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Filmtext

Kranke Welt, stille Hoffnung
Kranke Welt, stille Hoffnung

Aus der indischen Mythologie stammt die Geschichte von Vasumitra, einer berühmten Prostituierten, die den Beischlaf als heilige Handlung vollzog und durch ihren Liebesdienst die Freier zum Buddhismus bekehrte. Im sexuellen Akt vollzieht sich hier eine seelische Läuterung, wobei die Erleuchtung als Geschenk tätiger Nächstenliebe und christlicher Barmherzigkeit erscheint. Das Callgirl Jae-young (Seo Min-jung), selbst noch Schülerin, identifiziert sich mit dieser faszinierenden Figur, deren übersinnliche Großherzigkeit sie mit menschlicher Mutterliebe gleichsetzt. Folglich sind die Männer, die sie als Kunden gegen Bezahlung empfängt und die ihre Väter sein könnten, wie liebesbedürftige Kinder, die sich nach Geborgenheit sehnen. Jae-young alias Vasumitra prostituiert sich deshalb auf fast unbekümmerte Weise; stets verklärt ein Lächeln ihr Gesicht. Sie verliebe sich in ihre Freier, mit denen sie mehr teile als nur den Sex, sagt sie zu Yeo-jin (Kwak Ji-min), ihrer besten Freundin, die ihre Komplizin ist und ihr Schutzengel.

In „Samaria“, dem neuen Film des südkoreanischen Regisseurs Kim Ki-duk, werden aus unschuldigen Kindern lustspendende Mütter und aus liebenden Vätern glückliche Babys. Weil die Welt aber krank und verdorben ist, wird die Reinheit in ihr zuschanden, verwandelt sich die Liebe in hasserfüllte Rache. Denn für Kim Ki-duk stehen „Brutalität und Schönheit in einem inneren Zusammenhang“, weshalb das Gute oft nur durch Gewalt bewahrt werden könne. Zunächst wählt er jedoch den Weg der Vergebung: Als Jae-young mit einem seligen Lächeln auf den Lippen stirbt, was sich als Opfertod verstehen lässt, schlüpft Yeo-jin in die Rolle der Prostituierten. Um Schuld durch Liebe abzutragen, schläft sie als barmherzige Samariterin mit den Kunden ihrer verstorbenen Freundin und gibt ihnen danach ihr Geld zurück. Beglückt und beschämt fühlen sich diese daraufhin, aber wohl kaum geläutert. Deshalb setzt Kim einen Rächer auf sie an: Yeo-jins alleinerziehenden Vater Young-gi (Lee Uhl), der als Polizist in Seoul arbeitet und bei einem seiner Einsätze das Doppelleben seiner Tochter entdeckt.

Young-gi ist ein schweigsamer Cop. Wenn er spricht, erzählt er von christlichen Wundern wie zum Beispiel von jener verwitterten Jesus-Statue vor der Notre-Dame in Avignon, aus der eine grüne Knospe hervorgebrochen sei. Der liebende Vater ist aber auch ein unerbittlicher Moralist mit negativem Welt- und Menschenbild: „Dreckschweine wie du machen diese Welt kaputt“, sagt er zu einem der Freier, die er verfolgt, zur Rede stellt, in den Selbstmord treibt oder aber selbst eigenhändig tötet. Auf dem Gipfel der Verzweiflung unternimmt er schließlich mit seiner Tochter eine Reise zum Grab seiner verstorbenen Frau in den Bergen. Dabei verwandelt sich die Fahrt in einen kontemplativen Trip, dessen Stimmungen und Motive an Kims vorhergehenden Film „Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling“ anknüpfen. Unter den Zeichen einer inneren Einkehr entwickelt sich eine ebenso sensible wie ambivalente Vater-Tochter-Geschichte, die einen wechselseitigen Abnabelungsprozess sichtbar macht.

Kim Ki-duk erzählt in seinem dreigliedrigen Film von diesem Loslassen, das auf Versöhnung zielt, wieder in der Form einer Parabel. Das scheinbar Reale ist in „Samaria“ nur ein Vorwand für das Überzeitliche, das sich in Symbolen und Träumen manifestiert und auf eine Welt hinter den Bildern verweist. Diese sind kalt, fast farblos und in eine elegische, von Vergänglichkeit durchdrungene Herbststimmung getaucht, aus der mit mattem Glanz eine stille Hoffnung schimmert.

(Heidelberg, Karlstorkino, 14.-18.4. und 20.4.)

 







 



Wolfgang Nierlin

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