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Filmtext

Gestohlene Kindheit
Gestohlene Kindheit

Ein unwirtlicher Wohnbezirk an der Peripherie Tokios, heterogen und schon abgenutzt, gesichtslos und verbaut; wo Vorortzüge anonym vorbeiziehen, Zäune den Weg versperren, Treppen illusorische Bewegungsmöglichkeiten suggerieren und der Blick von oben im modernen Großstadtdschungel hängen bleibt: Hierher zieht die Familie Fukushima in eine kleine 3-Zimmer-Wohnung im ersten Stock eines trostlosen Mietshauses, Nummer 203. Zunächst, so scheint es, nur die jugendlich und kumpelhaft wirkende Mutter Keiko (gespielt vom japanischen Popstar You) und ihr mit zwölf Jahren ältester Sohn Akira (der in Cannes ausgezeichnete Yuya Yagira). Doch dann tauchen plötzlich weitere Kinder auf, eingeschmuggelt in Koffern oder auf Umwegen eingeschleust. Dabei wirken das verträumte Mädchen Kyoko (Ayu Kitaura), die fünfjährige Yuki (Momoko Shimizu) und der kleine Shigeru (Hiei Kimura) sehr routiniert, fast diszipliniert. Merkwürdige „Hausregeln“ verordnet die Mutter: Die Kinder dürften keinen Lärm machen und nicht nach draußen gehen. Offensichtlich leben sie inkognito. Später erfahren wir, dass die unehelichen Kinder verschiedene Väter haben und der Schule ferngehalten werden.




„Nobody knows“, der international hochgelobte Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda, wurde von tatsächlichen Ereignissen inspiriert. In seinem Mittelpunkt steht ein Verlust. Denn eines Tages kommt die Mutter, die immer wieder lange aushäusig ist, wohl aus Nachlässigkeit und Eigennutz nicht mehr zurück. Hinfort sind die Geschwister sich selbst überlassen. Wie ein eingespieltes Team, selbständig und verantwortungsbewusst, organisieren sie ihren zwischen Freiheit und Eingeschlossensein changierenden Alltag, der zunehmend bedrückender wird. Dabei kommt dem ernsten, gewissenhaften Akira die Rolle zu, zwischen Innen- und Außenwelt zu vermitteln. Er bezahlt Rechnungen, erledigt Einkäufe und versucht bei den diversen Vätern, Geld einzutreiben. Doch je angespannter Isolation und Einsamkeit zu werden beginnen, desto durchlässiger wird die Grenze nach draußen. Als es Frühling wird, verlassen sie schließlich zum ersten Mal gemeinsam ihr zunehmend verwahrlosendes Refugium, das mittlerweile von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten ist.




Hirokazu Kore-eda, der seine außerordentliche Erzählung dem Zyklus der Jahreszeiten folgen lässt, vermittelt diese entdeckungsfreudige, kreative Öffnung als ambivalentes Geschehen. Denn einerseits gewinnen Akira und seine Geschwister die so lange schmerzlich vermissten Freunde, scheint die Wirklichkeit ihren Wünschen zum Greifen nahe zu rücken. Andererseits verschärfen gerade diese Erlebnisse als Evokationen einer fernen Utopie ihr Bewusstsein der Abgeschiedenheit. Ruhig, mit unaufdringlichem Blick und in klaren Metaphern erzählt Kore-eda von diesem Schwebezustand zwischen Geborgen- und Verlorenheit. In vielen Großaufnahmen von Füßen und Händen erforscht er die Gefühle seiner jungen Helden, die wie ungeschliffene Diamanten sind, wie es in einem Lied heißt; und die trotz aller ausweglosen Trauer eine menschliche Hoffnung verkörpern.



6. Mai 2005

Wolfgang Nierlin

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