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Filmtext

Paradise Now
Paradise Now

„Ein Traum vom Leben mit dem Living Theatre“ heißt Dirk Szuszies’ mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilm „Resist!“ im Untertitel. Doch schon über den ersten Bildern, einer Orgie ineinander verschlungener Körper in Rot und Blau, liegt ein Hauch von Wehmut: „Alle guten Worte sind gesprochen, alle guten Kriege sind geführt“, sagt eine Stimme aus dem Off. Und dann bewegt sich die Kamera durch New Yorker Straßenschluchten, erinnert an die Terroranschläge vom 11. September 2001 und zeigt schließlich Menschen, die sich bei einem Happening in Zuckungen winden. In diesem Spannungsfeld zwischen gelebter Utopie, gesellschaftlichen Restriktionen und politischen Krisen arbeitet das Living Theatre seit seinen Anfängen im Jahre 1951. Mitbegründer Julian Beck postulierte deshalb die Einheit von „life, revolution and theatre“ mit dem Ziel einer radikalen Absage an die gegenwärtige Gesellschaft. 



Eine pazifistisch-anarchistische Grundhaltung, die sich jeglichen Herrschaftszwängen widersetzt, verband den 1925 geborenen Maler, Schriftsteller und Militärdienstverweigerer mit der etwa gleichaltrigen Judith Malina (Jahrgang 1926). Gegen Ende des 2. Weltkriegs war die Tochter eines Rabbiners vor den Nazis aus Deutschland geflüchtet und hatte zunächst an Erwin Piscators Dramatic Workshop in New York Regie studiert. Zusammen gründeten die beiden ein Experimentiertheater, das sich gegen den herrschenden Zeitgeist und das kommerzielle Theater richtete, um sich an wechselnden Spielorten den brennenden Fragen der Gegenwart zu stellen. Living Theatre bedeutet auch noch nach über fünfzig Jahren des politischen und künstlerischen Protests, „das Theater in Leben und das Leben in Theater zu verwandeln.“ Gerade die Auflösung der Grenze zwischen Fiktion und Realität, Ästhetik und Politik, erprobt auf Straßen, Marktplätzen, in Fabriken und psychiatrischen Anstalten und mit Improvisations- und Collagetechniken realisiert, erzeugt hier unmittelbare gesellschaftliche Relevanz. Die Performance wird quasi zum Eingriff ins Leben und zugleich zur Realisierung eines Traums.



Dirk Szuszies’ Film betreibt diesbezüglich allerdings keine Legendenbildung. Seine aus historischen Aufnahmen, Interviews, Zitaten und aktuellen Produktionen der nomadisierenden Company zusammengestellte Dokumentation liefert aber auch keine chronologische Geschichtsschreibung. Vielmehr folgt sie den Kontinuitäten einer utopischen Lebens- und Arbeitspraxis, in der idealistische Begeisterung und die Ernüchterung angesichts realpolitischer Verhältnisse sich die Waage halten. Zwar zeigt Szuszies Ausschnitte aus den damals aufsehenerregenden Projekten „The Brig“ von 1963, der in vielen Ländern realisierten „Antigone“-Bearbeitung oder auch der skandalumwitterten Aufführung von „Paradise Now“ im Jahre 1968 beim Theaterfestival in Avignon; aber immer geht es ihm dabei um die ideelle Spiegelung dieser Arbeiten in den aktuellen Inszenierungen der Gruppe.



Die vielfältigen Formen des Befreiungskampfes und die stets brisante Gewaltfrage stehen folgerichtig im Mittelpunkt der filmischen Beobachtung. Ob beim G 8-Gipfel in Genua, am Ground Zero nach dem 11. September oder in Khiam, dem berüchtigten Gefängnis der israelischen Armee im Südlibanon: Immer wieder beharrt das Living Theatre auf den Satz „Nicht in meinem Namen“. Im ligurischen Rocchetta, einer ehemaligen Partisanenhochburg, wo die Gruppe zum ersten Mal zusammen leben und arbeiten kann, wird der Traum von Frieden und Freiheit trotz individueller Probleme, schlechter Finanzen und einem desaströsen Management eine Zeitlang Wirklichkeit. Auch wenn die bevorstehende Vertreibung aus dem Paradies bereits erste Schatten wirft.



9./10. Mai 2005

 



 

Wolfgang Nierlin

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