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Filmtext

In den Verkleidungen der Liebe
In den Verkleidungen der Liebe

Wenn in einem Film das Theater die Hauptrolle spielt, geht es darin meist um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Leben und Kunst. Das Spiel im Spiel spiegelt gewissermaßen die Konflikte der Protagonisten maskiert und unter anderen Vorzeichen wider. So erfindet sich die fiktionale Wirklichkeit ersten Grades in ihren theatralischen Brechungen selbst neu. Der in Tunesien geborene und in Frankreich aufgewachsene Schauspieler und Regisseur Abdellatif Kechiche, der mit seinem Pariser Emigrantendrama „La faute à Voltaire“ bekannt wurde, nutzt in seiner jüngsten Arbeit „L’esquive“ diesen Spiegeleffekt gleich doppelt: Zum einen wird Pierre Marivaux’ Stück „Das Spiel von Liebe und Zufall“ zum Vehikel und Austragungsort für die Liebeswirren seiner jugendlichen Helden; zum andern ist „L’esquive“ selbst ein mit filmischen Mitteln erzähltes Theaterstück, das von der Härte und Poesie seiner jugendsprachlichen Dialoge und einer raum-zeitlichen Verdichtung lebt. 



Schauplatz der Handlung ist einer jener Pariser Vororte, die von hässlichen Hochhaussiedlungen, zubetonierten Freiflächen und sozialen Problemen geprägt sind. Aber Kechiche, der seinen Film mit Laiendarstellern gedreht hat, wollte vor diesem Milieuhintergrund ausnahmsweise einmal nicht über Arbeitslosigkeit, Drogen und Kriminalität sprechen, sondern über die Liebe und das Theater. Wie in dem Film „Rhythm is it!“ wird hier die Kunst auf ihre soziale Relevanz und pädagogische Verwandlungsfähigkeit hin untersucht. Ganz pragmatisch entwickelt allerdings der schüchterne Abdelkrim (Osman Elkharraz), von seinen Freunden Krimo genannt, zunächst sein Verhältnis zur Theaterkunst: Um der gleichaltrigen Lydia (Sara Forestier), in die er verliebt ist, näher zu kommen, übernimmt er mit Hilfe eines geheimen Deals die Rolle des Harlekin in dem Marivaux-Stück, das von seiner Schulklasse gerade geprobt wird. Sprachgewandtheit des Dichters soll Krimos drängende Gefühle verkleidet übermitteln. Aber dem verschlossenen, unbeholfen wirkenden 15-Jährigen fehlt auf fast tragische Weise das Ausdrucksvermögen. 



Eingebettet ist dieser Konflikt in die komplizierte soziale und vor allem mentalitätsbedingte Gruppendynamik der Cliquen von Jugendlichen überwiegend nordafrikanischer Herkunft. Geschlechterdifferenz, traditionelle Ehrbegriffe, Eifersucht und Loyalität prägen diesen, von einem modernen sprachlichen und kulturellen Crossover gekennzeichneten Diskurs auf geradezu selbstverständliche Weise. Leidenschaftlich und aggressiv, diskriminierend und ausgrenzend wird er geführt. Und doch steht immer wieder das Bemühen um Integration und die Suche nach Konfliktlösungen im Mittelpunkt der heftigen Auseinandersetzungen. Abdellatif Kechiches spontaner, schnörkelloser Realismus übersetzt diese in eine ebenso raue wie intime Bildsprache. Dabei lässt die flexible Kameraführung den Darstellern Raum für Improvisationen, die jedoch immer wieder dramatisch zugespitzt werden durch eine verdichtende Montage. Marivaux’ Triumph der inneren Natur über gesellschaftliche Konventionen erfährt allerdings und trotz des schließlich glückenden Theaterprojekts eine negative Deutung. Denn Krimo verhilft – entgegen der Theorie des Rollenspiels, die im Film einmal verhandelt wird – weder das reine Gefühl noch die Verkleidung dazu, aus sich herausgehen zu können.



Heidelberg, Karlstorkino, bis 15.6., außer Dienstag)

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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