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Filmtext

Ersatzfamilie für Liebende
Ersatzfamilie für Liebende

Drei Außenseiter in Paris, ihr „walk on the wild side“: Transvestit Stéphanie (Stéphanie Michelini) prostituiert sich auf dem Straßenstrich und lebt mit dem russischen Ex-Soldaten Mikhail und dem arabischstämmigen Strichjungen Djamel in einer sexuell grenzüberschreitenden ménage à trois. Ihre verstörende geschlechtliche Uneindeutigkeit, ihr differentes Lebensgefühl und ihr „Mut zum Anderssein“ interessieren den 1968 geborenen Regisseur Sébastien Lifshitz in „Wild Side“, seinem nunmehr dritten Spielfilm. Melancholisch und illusionslos bewegen sich die Figuren auf dem schmalen Grat zwischen Versteckspiel und Inszenierung, zwischen der Sehnsucht nach Halt und trostloser Einsamkeit. Keiner linearen Erzählung folgend, übersetzt der Film die Offenheit seines Sujets in eine fragmentarische Handlung. Parallel und assoziativ montiert, wechseln die Geschichten der drei Protagonisten übergangslos von der Gegenwart in die Vergangenheit. Auch das Nicht-Identische hat eine Herkunft, was vielleicht widersprüchlich erscheint. Aber Sébastien Lifshitzs postmoderner filmischer Diskurs vermeidet Erklärungen und zu offensichtliche Deutlichkeit. Seine Kamerafrau Agnès Godard, eine der bedeutendsten im zeitgenössischen Filmschaffen,  nutzt paradoxerweise deshalb das Cinemascope-Format, um immer wieder eine irritierende Nähe und Intimität herzustellen. 



Als Stéphanies Mutter (Josiane Stoleru) schwer erkrankt, ziehen die Freunde vorübergehend zu ihr nach Nordfrankreich, in ein ärmliches, ausgestorben wirkendes Dorf. „Alles tot hier“, sagt Djamel (Yasmine Belmadi), seine Unsicherheit überspielend, bei seiner Ankunft. Der Raum öffnet sich und lässt doch wenig Luft zum Atmen. Immer wieder gibt es Bildmontagen, die unwirtliche Orte, ihre Verfallszustände zeigen. Stéphanies Heimat, wo sie bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr die Kindheit verbrachte und Pierre war, löst in ihr eine Reihe von Erinnerungen aus, aber auch den Wunsch, diese auszulöschen. Hier erlitt sie den frühen Verlust von Vater und Schwester, der als Trauma nachwirkt. Hier erlebte sie aber auch ihr Coming-out, ihre erste Liebe und die Entfremdung zur Mutter. Fast wortlos und in zögerlichen Gesten vollzieht sich ihre Annäherung, die jedoch nicht vorgibt, jene grundsätzliche Distanz zu überwinden. Die schwierige Vermittlung zuwischen einer unhintergehbaren Herkunft und einer notwendigen eigenen Identität bleibt bestehen. Das zeigt der Film auch im Portrait des traumatisierten russischen Soldaten Mikhail (Edouard Nikitine), der in der Ferne unter einem peinigenden Heimweh leidet. Was scheinbar Stéphanies und Djamels familiäre Absetzbewegungen emotional umkehrt. Während sich Menschen und Orte verändern und sich doch gleich bleiben, wird aus der Schicksalsgemeinschaft der Liebenden, auf der Suche nach einem normalen Leben, eine ungewöhnliche Ersatzfamilie. 



(Heidelberg, Karlstorkino, bis 13.7.)

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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