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Filmtext

Den Schock des Krieges verlängern
Den Schock des Krieges verlängern

Seit seinem international preisgekrönten Debütfilm „Zeit der trunkenen Pferde“ gilt der 1968 im Iran geborene kurdische Regisseur Bahman Ghobadi als Erbe des europäischen Neorealismus und als Pionier für ein kurdisches Filmschaffen. In seinem „Stil der narrativen Klarhei t und Botschaft“ (B.G.) verbindet sich der Realismus des reinen Beobachters mit politischer Aufklärung und sozialem Engagement. Laien spielen ihr Leben, das von Krieg, Armut, körperlichen und seelischen Wunden gezeichnet ist. Ghobadis dokumentarische Bilder wollen gewissermaßen diesen Schock verlängern und den Zuschauer für das Leid seiner Darsteller sensibilisieren. Für den Filmemacher ist diese Arbeit ein Akt der Solidarität: „Ich mache Filme, um den Schmerz meines Volkes zu teilen.“ Zugleich finden sich in seinem Werk immer auch Spuren einer poetischen Überhöhung, die es auf eine manchmal fast humorvolle Weise durchlässig machen für einen Mut, der aus der Verzweiflung kommt. 



Auch in seinem neuen, noch während des aktuellen Irak-Krieges unter schwierigen Bedingungen im Nordosten des Landes realisierten Film bleibt sich der Regisseur treu. „Schildkröten können fliegen“ spielt unter Waisenkindern in einem kurdischen Flüchtlingslager an der scharf bewachten Grenze zur Türkei. Hier organisiert der ebenso clevere wie gerissene 13-jährige Satellit (Soran Ebrahim), den Ghobadi mit autobiographischen Zügen ausgestattet hat, als mutiger Wortführer einer Bande von Kindern das tägliche Überleben. Diese handeln mit Kriegsschrott und sammeln unter lebensgefährlichen Umständen Landminen, die sie zu einem Spottpreis auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Dabei erweist sich Satellit – sein Spitzname deutet bereits darauf hin – als großer Kommunikator und stets gewiefter Vermittler zwischen den verschiedenen Interessen der Konfliktparteien. Als versierter Techniker, der die Parabolantennen der Lagerältesten auf Empfang stellt und dabei mit ein paar Brocken Englisch seine Überlegenheit demonstriert, ist er darüber hinaus ein lebendiges Beispiel für die Macht des Wissens. 



Als er sich in die gleichaltrige Agrin (Avaz Latif) verliebt, die mit ihrem kriegsversehrten Bruder Hengow und dem blinden Kleinkind Digah ins Lager kommt, hat das tragische Folgen. Die verschlossene Agrin, die Satellits Hilfsangebote und Annäherungsversuche beharrlich zurückweist, leidet nämlich, so erfährt der Zuschauer in Rückblenden, unter traumatischen Erinnerungen: Sie ist das Opfer einer Vergewaltigung; ihr kleiner, ungeliebter Sohn erinnert sie daran und macht sie zu einer Ausgestoßenen. Deshalb sinnt sie darauf, das Kind loszuwerden und sich selbst zu töten.



Bahman Ghobadis Film wählt für diese hoffnungslose Geschichte die Perspektive der Kinder. Sie sind Leidtragende eines Krieges, der ihnen früh die Kindheit gestohlen hat. Ihre seelischen und körperlichen Wunden zeigen dies auf erschütternde Weise. Zugleich gibt ihre mutige Solidarität untereinander Zeugnis von einem trotzigen Überlebenskampf, den sie scheinbar wider alle Hoffnung führen. Dabei ähneln sie Suchenden, die im Meer der Leiden dem Geschmack des Lebens nachspüren; oder jenen ins Bild gesetzten Antennen, die wie groteske Gerippe am falschen Ort ihre Empfangsarme in den makellos blauen Himmel strecken. 



(Heidelberg, Karlstorkino, bis 20.7.)

Wolfgang Nierlin

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