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Filmtext

Vereintes Europa, geteilte Hölle
Vereintes Europa, geteilte Hölle

Ein schwedischer Autor quittiert seinen Dienst. Er wolle zukünftig, schreibt der 38-jährige Literaturkritiker Gunnar (Gustaf Hammarsten) in seinem Kündigungsbrief an den Verlag, in Europa reisen, sich verändern, etwas erschaffen. Das Kalenderblatt auf seinem Schreibtisch zeigt den 22.12.1945. Und so hat er als Ziel seines neu erwachten Tatendrangs das kriegszerstörte Berlin gewählt. Derweil plant der skrupellose Arzt Henry (Magnus Roosmann) die kaltblütige Ermordung seiner Ehefrau Karin (Kristina Törnqvist). Als Erfüllungsgehilfin hat er seine Geliebte Marie (Anna Björk) vorgesehen. „Wir verkürzen das Leben eines Menschen, damit zwei andere glücklich werden“, versucht er beschwichtigend Maries Skrupel zu zerstreuen. Und mit religiöser Inbrunst beruft sich der zum Katholizismus konvertierte Jude dabei auch noch auf die Liebe Gottes, die alles überwinde. 



Mit schwarzem Humor und einer Prise Pietätlosigkeit schickt der schwedische Regisseur und Schauspieler Peter Dalle seine von guten und bösen Leidenschaften getriebenen Helden auf eine Zugreise von Stockholm nach Berlin. Seine schwarzweiße Thrillerkomödie „Verschwörung im Berlin-Express“ (Skenbart), eine Hommage an Vorbilder wie Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ oder Lumets Agatha Christie-Verfilmung „Mord im Orient-Express“, verbindet dabei Suspense, geschliffene Dialoge und slapstickhafte Einlagen zu einer ebenso galligen wie ironischen Farce über scheiternde Vorhaben und zerbröckelnde Ideale innerhalb einer trügerischen, von skurrilen Nebenfiguren bevölkerten Wirklichkeit. Unter den Mitreisenden in der Raum und Zeit verdichtenden Parallelwelt des Zuges befinden sich nämlich noch zwei ältere, in Hassliebe verbundene Homosexuelle („Eine geteilte Hölle ist immer noch besser als eine für sich allein.“), eine Gruppe baltischer, von zwei Nonnen betreuter Flüchtlinge und ein vom Unglück verfolgter Kriegsversehrter („Verzeihen Sie meinen lädierten Körper!“).



Unter dem wachen Auge des von Dalle selbst gespielten dienstbeflissenen Schaffners ist allerdings „nichts notwendigerweise, was es zu sein scheint.“ Das Wittgensteins „Tractatus“ entlehnte Motto des Films erschüttert deshalb auch fortgesetzt die Gewissheiten und Handlungen der Zugreisenden. Dabei ist es vor allem Gunnars Schusseligkeit, die immer wieder alle guten Absichten in ihr Gegenteil verkehrt. Während der schwule Pompe (Gösta Ekman) an seinen schönen Jugenderinnerungen zu zweifeln beginnt („Bin ich eine homosexuelle Fälschung?“) und unter der Wirkung von Aufputschmitteln in eine Art delirierende Euphorie verfällt, verwandelt sich der arme, unverdrossene Soldat von einer Abfolge grausiger Verletzungen heimgesucht, in eine einzige große Wunde. Unterdessen machen sich unter den baltischen Flüchtligen infolge falscher Ernährung Siechtum und Agonie breit, eine Nonne verliert angesichts dieser sinnlosen Qualen ihren Glauben und das Mordkomplott erfüllt sich unter den veränderten Vorzeichen einer weiblichen Komplizenschaft auf überraschende Weise doch noch. Schuld an fast allem hat dabei Gunnar, der stets Gutes will und trotzdem Leiden schafft. Als glühender Verehrer eines vereinten Europa muss er deshalb, so sieht es Dalles perfide Strafe für ihn vor, am Berliner Mauerbau des Jahres 1961 mitarbeiten. Dabei wechselt der Film – ein Schelm wer böses dabei denkt – vom Schwarzweiß zur Farbe.



(Heidelberg, Karlstorkino, 5., 7., 8. und 10.8.)

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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