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Filmtext

Psychogramm eines furchtbaren Demagogen
Psychogramm eines furchtbaren Demagogen

Als erstes Filmtheater in der Rhein-Neckar-Region ist das Heidelberger Karlstorkino in die digitale Zukunft gestartet. Es gehört damit zu den bislang fünf Abspielstellen in Baden-Württemberg, die neben der herkömmlichen analogen Projektion auch eine digitale anbieten (vgl. RNZ v. 30.3.05). Seit Anfang September verfügt das Karlstorkino über die dafür nötige Technik, die von der Salzgeber & Co. Medien GmbH in Berlin geliefert wird: einen Server, der die Filmdaten vor Ort speichert und einen hochwertigen Videobeamer für die Projektion. Der kostspielige Transfer von digital gedrehten Filmen auf Zelluloid wird damit allmählich Geschichte. Vor allem kleineren Filmverleihern sichert dies Distributionsvorteile, da der bundesweite Start aktueller Filme jetzt nicht mehr durch die Anzahl verfügbarer Kopien eingeschränkt wird und ohne zeitliche Versetzung überregional beworben werden kann. Darüber hinaus entstehen durch die Vorführung, die aufgrund der Datenspeicherung vor Ort beliebig wiederholbar ist, keine Qualitätsverluste. 



Auch wenn digital erzeugte Effekte längst Einzug gehalten haben ins Mainstreamkino und mit „Star Wars – Episode III“ und „Sin City“ auch schon wenige aktuelle Major-Produktionen vollständig digital realisiert wurden (die für die Kinoauswertung allerdings immer noch auf Zelluloid übertragen werden müssen), so ist die digitale Technologie doch zuerst zur Domäne der Dokumentarfilmschaffenden geworden. Geringere Produktionskosten, ein schnelleres Arbeiten und ein mit der gegenwärtigen Einführung der digitalen Filmprojektion verbesserter Filmvertrieb sind dafür verantwortlich. Der vor allem auf Dokumentarfilme spezialisierte Salzgeber-Verleih hat dies frühzeitig erkannt und als Pilot in Zusammenarbeit mit „CinemaNetEurope“ (früher: „European DocuZone“) das technisch innovative Vertriebssystem in Deutschland eingeführt. Bereits Anfang März dieses Jahres startete der Berliner Filmverleih mit einer ersten Staffel von insgesamt dreizehn Filmen seine „Delicatessen“ betitelte Reihe. Pünktlich zum zweiten Vierteljahresprogramm – jeweils mittwochs und an mindestens einem Wiederholungstermin - ist nun auch das Karlstorkino mit dabei. 



Vier Filme aus der zweiten Staffel stehen im September auf dem Spielplan, wobei Menschen und ihre Lebensräume einen thematischen Schwerpunkt bilden. Während Vincent Monnikendam mit seinem Film „Die Seele Neapels“ einen Streifzug durch eine Stadt voller Widersprüche unternimmt, erinnert der renommierte Dokumentarfilmer Volker Koepp in „Pommerland“ an die Menschen und Landschaften aus dem fast schon vergessenen „Land am Meer“. Alexandra Sells eigenwilliger Heimatfilm „Durchfahrtsland“ wiederum richtet seinen ebenso ironischen wie ethnographischen Blick auf die Bewohner des Vorgebirges zwischen Köln und Bonn und damit auf die deutsche Provinz. Ergänzt wird das September-Programm durch das intime Filmportrait „Horst Buchholz...mein Papa“ von Christopher Buchholz und Sandra Hacker, das die persönlichen, auch dunklen Seiten des Stars und Familienvaters beleuchtet. 



Zusätzlich präsentiert das Kommunale Kino mit dem ungewöhnlichen Dokumentarfilm „Das Goebbels-Experiment“ einen Höhepunkt des ersten Programmblocks. Lutz Hachmeister und Michael Kloft entwickeln darin das Psychogramm des berüchtigten nationalsozialistischen Propagandaministers. Dabei verzichten sie vollständig auf Off-Kommentare und die Befragung von Zeitzeugen und Experten. Stattdessen folgen sie Joseph Goebbels Selbstdarstellung anhand seiner Tagebücher aus den Jahren 1924-1945. Der Schauspieler Udo Samel liest daraus einen stark komprimierten Text, der sich zu einer sowohl biographischen als auch geschichtlichen Erzählung verdichtet. Diese wird begleitet, kommentiert, hinterfragt und erhellt von überwiegend historischen Bildzeugnissen, die, spannend und beziehungsreich montiert, in Wechselwirkung zum Text das Portrait einer widersprüchlichen, ebenso gewöhnlichen wie grausamen Persönlichkeit sichtbar machen. Goebbels Aufstieg zum nationalsozialistischen Demagogen, immer wieder von Rückschlägen, persönlichen Krisen und Loyalitätskonflikten begleitet, wird dabei radikal entzaubert und erscheint so als Resultat eines machtversessenen Aufsteigers, der in jungen Jahren angesichts von Perspektivlosigkeit und drohendem Scheitern in den politischen Ungeist seiner Zeit flüchtet.




Heidelberg, Karlstorkino, bis 13.9.; Programminfos unter www.karlstorkino.de und www.delicatessen.org)

 



 


 


 


 

Wolfgang Nierlin

Erstmals erschienen in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 12. September 2005
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