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Filmtext

Suche nach Wahrhaftigkeit
Suche nach Wahrhaftigkeit

Schauspieler sind schillernde Zwitterwesen. Ihre auffällige Doppelnatur markiert den schmalen Grat zwischen Leben und Kunst, Beruf und Berufung. Im Spiel mit der eigenen Identität schlüpfen sie in fremde Gestalten, vertauschen sie die Fiktion mit der Wirklichkeit. Was sie verkörpern, wird zum Abbild der Welt. Dabei erfinden sie mit jeder Rolle auch sich selbst. Die persönlichen Grenzen zu kennen, sie aus diesem Wissen heraus zu überschreiten, um sie desto schmerzlicher zu erfahren oder immer wieder neu auszuloten: Das ist ein zentrales Motiv in diesem Spiel um Wahrheit und Lüge, Sein und Schein. 



Von „verrückten Zuständen“, dem Wunsch, sich in einen anderen zu versetzen und dabei nicht mehr dieselbe zu sein, sprechen deshalb die angehenden Schauspielschülerinnen in Andres Veiels Langzeitdokumentation „Die Spielwütigen“. In ihren leidenschaftlichen Plädoyers geht es allerdings nicht allein um die Erfüllung eines Traums, sondern um eine existentielle Notwendigkeit: Im Spielen wird das Leben zur Kunst und die Kunst zur Suche nach Wahrhaftigkeit. Diesem wechselseitigen, mitunter doppeldeutigen Austausch folgt Veiels Film von Anfang an, indem er die Schauspieler mit ihren ersten Vortragsrollen in ihren jeweiligen Familien auftreten lässt. Im Zuspruch und den Zweifeln der Eltern macht er damit früh und konsequent die permanente Auseinandersetzung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, unbedingtem Berufswunsch und Selbstzweifeln sichtbar.



Zugleich reflektiert Veiels filmische Herangehensweise, dass der dokumentarische Blick von vielfältigen Inszenierungen begleitet wird. Und zwar umso mehr, als es sich bei den Porträtierten um Schauspieler handelt, die natürlich immer auch eine Rolle spielen. Sei es, um sich aus Selbstschutzgründen zu verbergen oder aber, um das Bedürfnis nach Selbstdarstellung zu befriedigen. Die schwierige Gratwanderung der „Spielwütigen“ besteht nämlich darin, dass sie für ihre Verkörperungen geliebt werden wollen und sich dabei selbst entblößen müssen. In ihren Rollen spiegeln sie deshalb stets auch ihre Einstellung zum Leben; so etwa, wenn der aus einer griechischen Einwandererfamilie stammende Prodromos Antoniadis bei der Aufnahmeprüfung in einer Mischung aus Wut und Renitenz den Travis Bickle aus Martin Scorseses Film „Taxi Driver“ gibt.



Neben ihm begleitet die Dokumentation über einen Zeitraum von sieben Jahren hinweg die Schauspielschülerinnen Constanze Becker, Karina Plachetka und Stephanie Stremler. Vom rigiden Auswahlverfahren an der „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“ in Berlin, wo jährlich von über tausend Bewerbern dreißig zugelassen werden, bis zu den ersten Engagements zeigt Veiel einen zwischen Euphorie, Niedergeschlagenheit und Selbstzweifeln changierenden Prozess des Reifens. „Ich wollte einen Film über das Erwachsenwerden machen“, hat der Regisseur über seine Absicht gesagt, die sich verändernden Träume der Porträtierten zu dokumentieren. Mit erstaunlicher, nie aufdringlicher Intimität beobachtet er den harten, von oftmals harscher Kritik begleiteten Unterricht. Und er bezieht diese Erfahrungen, ohne die notwendige Beobachterdistanz aufzugeben, stets auch auf die persönlichen und sozialen Hintergründe der „Spielwütigen“, die am Ende sich selbst treu bleiben. 





Das Karsltorkino zeigt "Die Spielwütigen" am 5. und 6. November.


 

Wolfgang Nierlin

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