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Filmtext

Filmisches Erzählen als Decameron




 

Das cineastische Decameron... von dem Ideal eines Erzählerkreises oder dem Selbstverständnis der Heidelberger Filmwerkstatt.


 


Die Möglichkeit, dass man sich in Zeiten der Epidemie, der Kriege und Krisen zurückzieht in die Eremitage und so die Turbulenzen zu überstehen sucht, war stets das Privileg der Menschen, deren Reichtum auch in Zeiten der Verwüstungen unangetastet blieb.


Die Idee des Erzählerkreises ist aber weniger die Sehnsucht der Eremitage, der Idylle, sondern die eines Ideals der Konversation.


Boccaccio läßt 10 Tage 10 junge Menschen 10 Geschichten erzählen. Die prallen Geschichten über Liebe, Scherz und Schmerz werden mit einem Vorwort eingeführt, was verwundert. Boccaccios spricht von Trost, der in der Zerstreuung wiederzuerkennen sei. Ein Trost, der denen von Not ist, deren Seele durch verschmähte Liebe gepeinigt ist.


Es mag schmunzeln wer will, aber kaum jemanden wird dies unbekannt sein - und was hier bei Boccaccio überrascht, ist der Zusammenhang, den er skizziert. Eine Erzählung dient zum „Vergnügen an den dargebotenen ergötzlichen Dingen als auch nützlichen Rat gewinnen (zu) können". Daß aber just in eben diesem Vergnügen auch der Rat in unaufdringlicher Weise - und eben nicht in impertinenter Überlegenheit - wiedererkannt werden kann und somit auch ein Moment des Trostes angenommen werden mag, ist vielleicht ein plausibler Gedanke, weshalb man immer wieder die Lust an Erzählungen findet.


Der Erzählerkreis ist eine Form der Geselligkeit, in der Unterhaltung eben das ist, was das Wort meint - das, was man zum Leben braucht. Und dies basiert auf Gegenseitigkeit. Es ist kein Zufall, daß diese Idee der Geselligkeit im 15. Jahrhundert im Norden Italiens beschrieben wurde. Eine Idee, die in der deutschen Literatur erst im frühem 18.Jahrhundert auftaucht: in der Erzählung der Insel Felsenburg von Johann Gottfried Schnabel.


Auch hier wird der Erzählerkreis als eine gegenseitige Unterhaltung dargestellt, in der die Form der Zerstreuung auch gleichzeitig die der gegenseitigen Achtung ist. Der Respekt, der in dem Zuhören dem Erzähler entgegengebracht wird, ist der, der sich jeder wünscht, wenn er sich einem anderen zeigt, wenn er sich in seiner Erzählung anderen anvertraut.


Dass einer Erzählung eben jene Kraft der Überzeugung innewohnen kann, deren Eindruck man sich gefallen lässt, ohne sich von ihm gegängelt oder überredet fühlen zu müssen, ist nicht nur ihr Zauber, sondern auch ein Motiv für Filmemacher. Welchen anderen Sinn mag eine Erzählung denn auch haben, wenn nicht den, in anderen Menschen Zuhörer zu finden und diese zu bewegen, auch ihre Geschichte zu erzählen.


 



 

Norbert Ahlers

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