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Filmtext

Gedanken zu IRMA VEP
Montagsgespräche
Gedanken zu IRMA VEP


Ohne von einem Gegensatz sprechen zu wollen, aber was hat eine französische Filmproduktion, mit der Kultur von Maggie Cheung zu tun? 



Die entsprechenden Klischees zumindest könnten ferner nicht sein: asiatischer Perfektionismus gegen französische Intuition, Meditation gegen ästhetische Überreizung und Virtuosität. Am fiktiven Filmset werden vor allem die Unterschiede im Kommunikationsverhalten sichtbar: mit ihrer Höflichkeit, ausgesuchten Wortwahl und Konzentration im Gespräch bildet Maggie eine einsame Ausnahme inmitten eines permanenten, in all seiner emotionalen Gespanntheit und Bruchhaftigkeit, doch flüchtigen französischen Redeflusses. Das Moment der Berührung dieser Pole, nämlich die gemeinsame Sprache Englisch, sprechen die Franzosen oft verzerrt und lückenhaft. Das kritische Potential liegt darin, dass Maggie, trotz sprachlicher Unterpäsenz und in all der damit suggerierten Fremdartigkeit asiatischer Wahrnehmung, dennoch Identifikationsfigur bleiben kann. Das Getümmel am Set, das ja per se die Athmosphäre des ungeschönten Authentischen verströmt, wird in den Augen Maggies wiederum zum Schauspiel; zu einer Oberfläche, deren Sinnhaftigkeit sich bis zum Ende des Filmes vielleicht offenbaren, aber nicht zeigen wird. Trotz ihres Außenseitertums und der damit verbundenen Passivität ist es niemand anderes als Maggie, die diese Oberfläche unmerklich zusammenhält. Denn wir missen die kausale Struktur im Anekdotischen nicht. Maggie trägt das Parfüm des Fernen, Zauberischen, das auf jeden zu wirken scheint und das gerade die nebensächlichsten Szenen und Einstellungen klimaktisch zu verstärken vermögen. Von ihr geht die Faszination aus, die Renés Filmidee zur echten Vision macht, welche wiederum zum Treibstoff seiner Filmarbeit wird. Aber auch Zoes unerwiderte Liebe beschwört dramaturgisch letzlich das psychische Milieu, und nimmt sich zum Grund es in alle Komplikationen auszudeklinieren.

Dass die Faszination dieser beiden dramatisch wichtigsten Bezugspersonen anhält, beruht auf dem Prinzip der Unerreichbarkeit der Maggie. Begreifen wir die Beziehung René Vidal – Maggie, und Zoe – Maggie als zwei unterschiedliche Konzepte von Liebe, so scheitert jedes von beiden. Zoes Liebe hofft auf Leben, gefärdet aber das tatsächliche Verhältnis zu Maggie. René hält Maggie von Anfang an auf eine Distanz, die ihm die Erfahrung versagt. Der Profi nährt nichts als seine Sublimation – Irma Vep – . Und man kann annehmen, dass diese Vision bald schon Ausmaße angenommen hat und Bereiche berührt, die durch keinen Film ins Empirische zurückgetragen werden können. Denn auch wenn die Produktion, die reine Arbeit am Film, funktioniert hat, bleibt René unzufrieden mit dem Ergebnis. Seine Psyche dagegen ist mehr und mehr überansprucht und kollabiert.


Das Anekdotenhafte des Film scheint also vor allem durch die immanente Logik der Faszination strukturiert zu sein. So sehr es also auch der fiktive Film zu sein vorgibt, welche die Zusammenkunft so unterschiedlicher Menschen herbeiführt, so ist dies ein Grund, der weitere Begründungen fordert. Der Grund scheint vielmehr eine unsichtbare Magie zu sein, die sich eben in Maggie verkörpert. Gerade diese beiden entlegenen Punkte – Filmidee und Schauspielerin - erfahren aber eine auffällige Engführung, die sich letzlich schon im Titel „Irma Vep", der Name der fiktiven Rolle von Maggie, zeigt. Zum Einen liegt eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit im vielen Schweigen der fremden Maggie und der ebenso fernen Ästhetik des Stummfilms. Zum anderen ist es vor allem die Maggie in ihrem Kostüm, welche der Zuschauer mehr als selten, immer wie beiläufig und immer von einem der vielen, wechselnden Side-Kicks begleitet, auf das nunmehr attraktionshungrige Auge gedrückt bekommt; es ist Maggie im Kostüm, welche sowohl René als auch Zoe fasziniert. Maggie wird als Irma Vep ein Substitut des nicht zu realisierenden Films, und vielleicht eine Metapher für das Unaussprechliche selbst. Die Esoterik der Vision Renés, die nur Zoe gleichermaßen erkannt und verkannt hat, drückt sich so final auch in der Umbesetzung der Irma Vep aus. Das Thema des tatsächlichen Filmes scheint mir demnach das dynamische Verhältnis von Schöpfung und Produktion zu sein. Die künstlerischen Vorstellungen Vidals ist der durchsichtige, aber omnipräsente Geist und das energetische Zentrum, welches entweder Realität zu werden vermag oder sich selbst zerstört. Dass die Vision Vidals Potential hatte, zeigt sich an Zoe, die als einzige am Set auch emotional an der Sache interessiert zu sein scheint. Sie ist die, die sich in Maggie-im-Kostüm verliebt hat. Letzlich also liebt sie die Vision Vidals, aber nur in deren fleischlicher, sinnlicher Form. Sie hat nicht den Einblick ins Ganze, aber liebt das Detail. Und dies ist das Dilemma von Schöpfung und Produktion: Ein Ganzes in die Realität übersetzen zu wollen, bedeutet dessen Anstrengung, Spreizung, Zerrung und Zersplitterung, und nur in den seltensten Fällen auch dessen Wiederauferstehung. Wenn Schöpfung und Produktion, Vision und Empirie, synthetisieren, wurde das Unglaubliche geleistet. Was dieser Transzendierungsakt als künstlerische Zielstellung bedeutet, wird nur von den wenigsten gesehen, weil das Wesentlichste daran magisch, d.h. durchsichtige Energie bleibt.



 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 

Juliane Zöllner

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