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Filmtext

ACHILL in Bagdad

Der Film „Troja“ von W. Petersen erscheint just zu einem Zeitpunkt, als die

US-Streitkräfte durch die Bilder von Folter und Misshandlungen im Irak von ihrem Selbstbild desillusioniert werden.



Was aber hat ein literarischer Stoff aus dem 8.Jhd. v. Chr. heute mit dem militärischen Einsatz im Irak zu tun? Einem Krieg, der immer mehr zu einem va banque-Spiel mutiert.



Der Zusammenhang zwischen Film und aktuellem Konflikt verdeutlicht sich dort, wo der Film den Stoff ignoriert bzw. ihn entsprechend den Screenplay-Mustern der Filmindustrie verändert.



Es macht wenig Sinn über die historische Genauigkeit der Requisiten zu diskutieren. Auch der imaginären Spagat zwischen der Größe des antiken Militärpotentials und den realen Möglichkeiten der damaligen Zeit kann nicht wirklich Gegenstand ernsthafter Kritik sein.



Und in filmästhetischen Fragen wie Kameraführung, Schauspielarbeit oder digitalen Effekten ist dieser Film kaum erwähnenswert. Die Schauspieler sind konsequent unterfordert, reduziert auf eindimensionale Typen. Die Kamera ist nur selten direkt im Kampfgeschehen, bleibt distanziert. Von der Gewalt dieser Kämpfe bekommt man nicht einen Moment einen Eindruck. Stets wird sie nur ästhetisiert, d.h. sie wird in jedem Moment des Filmes inszeniert ohne dass man sie einen Moment ertragen muss.



Wie die Myrmidonen beim Sturm auf Troja vom Hügel zuschauen, so sitzt der Zuschauer im Kinosessel. Gefesselt vom Spektakel und doch unbeteiligt. Doch auch das ist für Filme dieses Genres eher konventionell als irritierend.



Interessanter ist eher, dass Petersen den Kampf um Troja als eine Art Blitzkrieg inszeniert, wie ihn sich D.Rumsfeld vorstellt. Die zehn Jahre, in denen sich einst die Achaier vor den Mauern der Stadt eingegraben hatten, werden kurzerhand auf ein paar Wochen zusammengestrichen. In der Tat ist der erzählerische Zeitraum der Ilias nur der der letzten Phase des Krieges, doch in eben diesem Handlungsraum werden die vergangenen Jahre des Krieges nochmals vergegenwärtigt.



Petersen erzählt demgegenüber bloß chronologisch und entsprechend knifflig ist die dramaturgische Sackgasse. Er kürzt, streicht Figuren (Kalchas), flechtet zwei in einer Person (Briseis & Kassandra) oder lässt böse Buben vorzeitig sterben (Agamemnon). Nun, von Hollywood ist derartiger Umgang mit traditionellen Stoffen durchaus bekannt, einem ja fast vertraut. Aber eben diese Verkürzungen erzählen mehr als sie verschweigen.



Beschreibt man die Handlung unabhängig vom Pressetext, dann liest sie vielleicht so: eine Gruppe Fürsten aus Griechenland wollen eine zivilisierte Großstadt verwüsten. Die Motive sind verschieden, der eine will seine Frau wiederhaben, um sie für seine gekränkte Männlichkeit zu strafen, der andere – sein Bruder – will die Macht in der Ägäis und der Dritte will schlicht nur Ruhm. Die Trojer hingegen verteidigen sich lediglich gegen diesen durch jugendlichen Leichtsinn aufgezwungenen Krieg – und müssen ihn durch eine List verlieren, weil unter dem griechischen Haufen von Schlägern einer Intelligenz hat (Odysseus wurde dieser Krieg bekanntlich ja auch aufgezwungen).



Diese Motive sind den Verantwortlichen des Irak-Krieges nicht unähnlich: die hegemoniale Machtgier um die Kontrolle von Ressourcen, die Illusion von Ruhm und die narzisstische Rache für die Kränkung am 9/11. Rache für die Zerstörung der Machtsymbole, diesen Geschlechtertürmen der Moderne.



Die immer wiederkehrende Fehleinschätzung eines Kriegsverlaufes scheint sich in Bagdad einmal mehr zu bestätigen.



Und im fortwährenden Krieg widerfährt den Beteiligten Unrecht, dass das ursprünglich als Kriegsgrund Erklärte weit in den Schatten stellt. Wie im Irak die selbsternannten Befreier wird auch Achill, der Held, zum bestialischen Vieh. Er vergeht sich am Leichnam Hectors. Er schockiert in seinem Tun seine eigenen Kombattanten genauso wie seine Gegner.



Der Film erzählt mehr von der gegenwärtigen Verwirrung Amerikas als von den Geschehnissen um Troja. Brad Pitt und seine Myrmidonen erscheinen wie ein Haufen Delta Forces, denen man erzählt hatte, sie würden eine ehrenvolle Mission haben und Weihnachten wieder zu Hause sein. Effizient metzeln sie die apollinische Garde nieder (hatte nicht auch Hussain eine Revolutionsgarde?), erobern den Strand und bleiben dann dort im Sand hängen.



Nach dem Troja eine Ruinenlandschaft geworden war, zogen sich die Griechen zurück. Ruiniert ist der Irak bereits weitgehend - und das schon seit dem UN-Embargo.







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Troja wurde verwüstet, Aenais floh, kam nach Rom und die Römer eroberten 146 v.Chr. Korinth, das als letzte griechische Stadt den Römern Widerstand bot. Das dieser Zusammenhang willkürlich ist, ändert nichts an seiner politischen Realität. Real deswegen, weil Al Quaida in einer ihrer Erklärungen betonte, dass der Fall von Andalusien sich nicht im Nahen Osten wiederholen dürfe.

Norbert Ahlers

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