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Filmtext

Schatten der Vergangenheit
Schatten der Vergangenheit

„Es ist klar, dass der neue Citroën vom Himmel gefallen war“, schrieb der französische Philosoph Roland Barthes und meinte damit jenen legendären Citroën DS, der, geschrieben als déesse (Göttin), die Aura des Übernatürlichen bereits in seinem Namen trägt. Die hydropneumatische Federung des Autos rettete angeblich im August 1962 bei einem Attentat Charles de Gaulle das Leben. Und sie verhalf in mehreren Fantômas-Filmen dem französischen Gentlemen-Verbrecher auf geradezu schwerelose Weise immer wieder zur Flucht.

 



In ihrem vielbeachteten Roadmovie „The Goddess of 1967“ folgt die in Hongkong aufgewachsene, mittlerweile in Australien lebende Regisseurin Clara Law diesem modernen Mythos, indem sie den Wagen in höchst artifiziellen Bildern zum Kultobjekt stilisiert. So zeigt sich ihr jugendlicher japanischer Held, der das lachsfarbene Modell mit Baujahr 1967 via Internet erwirbt, von Delons Killer-Rolle in Melvilles „Le Samouraï“ inspiriert und schwärmt in verklärenden Worten vom Fahrgefühl des DS. Aber sein Fetisch transportiert eine gewalttätige Vergangenheit; und sein Trip in die Weite des australischen Outback folgt der Mißbrauchsgeschichte seiner blinden Begleiterin.

 



Die Initialen ihres Namens sind natürlich identisch mit denjenigen des DS, was aus der Göttinnen-Verehrung eine doppelte Liebesgeschichte macht, die mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit gezeichnet wird. Jedoch scheint die blinde, abgeklärt wirkende Deidre (Rose Byrne) zunächst für das Leben verloren. Die Schatten der Vergangenheit haben ihr Vertrauen zu den Menschen nachhaltig erschüttert; und ihr morbides Lebensgefühl trägt Züge einer universellen Trauer.

 



Clara Law folgt den Spuren der jungen Frau in kunstvollen Rückblenden, die mehrere Jahrzehnte umfassen und eine sich verhängnisvoll wiederholende Familiengeschichte enthüllen. In stilisierten Bildern erschafft sie dabei eine reine Kunstwelt, in der die Figuren primär Träger von Ideen sind und die symbolische Überhöhung den emotionalen Charakter aufgehoben hat. Aber auch wenn die Wahrheit eines Kunstwerks nicht von seinem Realitätsgehalt abhängig ist, so gelingt den Suggestionen von Laws künstlichen Räumen doch nur selten jene Selbstaufhebung, in der die Distanz des Betrachters aufgebrochen wird und die mit ihrem Inhalt identische Form wieder eine echte und deshalb wahre (Kino-)Erfahrung erlaubt.

Wolfgang Nierlin

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