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Filmtext

Das Unsichtbare sichtbar machen
Das Unsichtbare sichtbar machen

„Working with time“ heißt Thomas Riedelsheimers Dokumentarfilm über den schottischen Land-art-Künstler Andy Goldsworthy im Untertitel. Damit ist eines der wichtigsten Merkmale seines künstlerischen Schaffens angesprochen: Kunst als zeitlicher Prozeß, als Arbeit in und mit der Zeit, als Bewegung, die Energie umsetzt und deren Ende nicht voraussagbar ist, sich allenfalls im sichtbaren Raum verliert. Für Goldsworthy ist das eigentliche Werk die Veränderung, in der Zeit sowohl in ihrer linearen als auch in ihrer zirkulären Dimension erfahrbar wird. Deshalb arbeitet er ausschließlich mit Naturmaterialien, deren Stofflichkeit und wechselnde Aggregatszustände immer schon eine Geschichte des Werdens und Vergehens speichern. Goldsworthy bedient sich dieser Geschichte: Er macht sie sichtbar, indem er ihr Raum gibt; er integriert sie, indem er sie bearbeitet oder in neue Zusammenhänge stellt; und er vertraut auf ihre Verwandlungskraft, indem er sie den zufälligen und willkürlichen Kräften der Natur überantwortet. Seine Werke unterliegen nicht einer totalen künstlerischen Kontrolle, sie sind nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern die Ewigkeit ist den Unwägbarkeiten ihrer zeitlichen Dauer eingeschrieben.

 



„Rivers and Tides“ beobachtet vor allem Goldsworthys geduldige und mühevolle Arbeitsprozesse, die immer wieder von Rückschlägen gekennzeichnet sind, etwa wenn einer seiner Steinkegel, den er in der Zeit zwischen Ebbe und Flut aufschichten will, bereits im Anfangsstadium mehrmals zusammenbricht. Oder wenn ein aus Farnstengeln konstruiertes, luftiges Gespinst, das nur von Dornen zusammengehalten wird, unter einem Lufthauch auseinanderfällt. In diesen Passagen zeigt sich aber auch, wie sehr Riedelsheimers Versuch, zeitliche Abläufe zu dokumentieren, sich der künstlerischen Konzeption Goldsworthys annähern muß, also selbst dem Zufälligen unterworfen ist. Das spiegelt sich nicht nur im Drehverhältnis wider, sondern auch in der langen Drehzeit, die sich über ein ganzes Jahr erstreckte.

 



Der Dokumentarist begleitete den höchst sensiblen und weisen, wißbegierigen und beharrlichen Künstler im Verlauf der Jahreszeiten zu Projekten in Kanada, den USA, Frankreich und seinem Wohnort Penpont in Schottland. In ruhigen, klaren, mit Musik von Fred Frith unterlegten Bildern zeigt er ihn bei der Arbeit mit Eis, Sandstein und Treibholz, mit Farnen, Blumenblüten, Lehm und Moos – Materialien, mit denen er die obsessiven Formen und Linien der Natur nachbildet. Dabei wird nicht nur die körperliche Anstrengung, die Goldsworthys Arbeit bedeutet, ihre Auseinandersetzung mit den Elementen der Natur, spürbar, sondern auch die Verwurzelung seines Werks in einer Landschaft, in der das Wasser eine zentrale Rolle spielt, plausibel gemacht.

 



Hier findet sich auch die enge Beziehung zu Goldsworthys Begriff des Wachsens, seiner Vorstellung des Fließens in der Natur und damit seines Verständnisses von Zeit und Veränderung: „Es ist dieses nicht Greifbare, das da ist und dann wieder verschwunden“, sagt er dazu im Film. Insofern ist seine künstlerische Arbeit eine Form des Verstehens, indem sie versucht, etwas sichtbar zu machen, was unsichtbar immer schon da war. Im Kreislauf von Werden und Vergehen, in dem sich das Leben ausdrückt, ist das, was ein Werk zum Leben erweckt, aber auch sein Tod. Da für Goldsworthy ein gelingendes Kunstwerk nicht an seine Existenz geknüpft ist, sondern an seine Dauer, ist Schönheit für ihn etwas, das geschieht. In diesen Momenten jenseits der Worte erscheint das Anstrengende mühelos und das Tiefe einfach.

Wolfgang Nierlin

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