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Filmtext

„Es gibt nur Ja!“
„Es gibt nur Ja!“

In gereimten Versen sprechen die Figuren in Sally Potters neuem Film „Yes“ zum Zuschauer. Das ist schön und theatralisch, anachronistisch und universell. Wie sich klassische Form und zeitgenössische Sprache über kulturelle Grenzen hinweg erfrischend geistreich verbinden, ist zunächst aber auch irritierend. So durchbricht der Film die anvisierte Illusion, noch ehe sie aufgebaut ist oder wirksam werden kann. Wenn sich eingangs ein Dienstmädchen (Shirley Henderson), das beim Putzen über die Welt als Abfallhaufen und den ewigen Kreislauf des Schmutzes philosophiert, direkt ans Publikum wendet, wird diese Brechung noch intensiviert. In Anlehnung an das klassische Drama übernimmt die junge Frau die Funktion des Chors: Sie vermittelt zwischen den Göttern und den Menschen und verbindet in ihrer zweigeteilten Blickrichtung die handelnden Figuren mit dem Zuschauer. 



Im Mittelpunkt von „Yes“ steht die leidenschaftliche Liebesgeschichte zwischen einer irischstämmigen Amerikanerin (Joan Allen) und einem Libanesen (Simon Abkarian), der im Londoner Exil lebt. Während die attraktive Molekularbiologin in der Einsamkeit einer erkalteten Ehe und dem „Schmerz der Leere“ gefangen ist, leidet der ehemalige Chirurg, der sich in der Fremde als Koch verdingt, zunehmend unter der kulturellen Ignoranz und politischen Überheblichkeit seiner Mitmenschen. „In deinem Land sieht man mich nicht“, sagt der ebenso romantisch und selbstlos wie feurig Liebende zu seiner angebeteten „Königin“. Und so schleichen sich allmählich Zweifel in die Beziehung, entwickelt sich aus der grundlegenden kulturellen Differenz ein scheinbar unüberwindlicher Konflikt, der in seiner Aktualität durchaus exemplarisch zu verstehen ist. 



Die mit Vorurteilen, Hass und Angst aufgeladene Stimmung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 bildete den Ausgangspunkt für Sally Potters Drehbuch zu „Yes“. So ist ihr komplexer, höchst kunstvoll fotografierter und montierter Film um eine Reihe von Antagonismen und divergierender Perspektiven herum aufgebaut. Schon bildlich, gespiegelt an konträren Schauplätzen, existieren die getrennten Welten inmitten derselben Gesellschaft. Sally Potter reflektiert in ihrem Film die Differenz zwischen Ost und West, Orient und Okzident aber auch im Hinblick auf das jeweilige kulturelle Gedächtnis, das sich in Religion, Philosophie und Politik ausdrückt. Immer wieder prallen die Gegensätze im Verständnis so zentraler Begriffe wie Individualismus, Traditionalismus und Freiheit aufeinander. Dabei gibt sich die englische Regisseurin trotz eines unterschwelligen Geschichtspessimismus, vorgetragen vom „Eine-Frau-Chor“ nicht unversöhnlich. Vielmehr sucht sie den Ausgleich, die Verständigung und das uneingeschränkte, wenngleich etwas utopische „Ja“. 



6. Januar 2006

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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