logo HOME//KARLSTORKINO//AKTIVE MEDIENARBEIT//ÜBER UNS//IMPRESSUM  
 HOME    KARLSTORKINO  AKTIVE MEDIENARBEIT  ÜBER UNS  NEWS[LETTER]  GÄSTEBUCH  BILDER [BLOG] 
 Über uns/angebote  technikverleih  seminare  kritiken & essays  dunkelkammer 




Hier finden Sie Texte, die über unser Filmprogramm hinausgehen, insbesondere Kritiken, Besprechungen, Quellen und weitere Materialien.

Filmtext

Gegensätzliche Bewegungen
Gegensätzliche Bewegungen

Zwölf Kapitel gliedern den Film und geben ihm eine episodische Struktur, deren Lücken bedeutsam sind. Das Ganze ist quasi mehr als die Summe der Teile. Und in den scheinbar nachlässig gesetzten Pausen nistet jene unaufgeregte, nüchterne Lakonie, die melancholische Stimmungen mit einem skurrilen Humor verbindet. Keine „dramatische Handlung“ motiviere seinen Film, sondern „ein Katalog von Ideen“, sagt der isländische Regisseur Dagur Kári, der hierzulande mit „Nói Albinói“ bekannt geworden ist. Am ehesten lassen sich seine cool und stilvoll inszenierten Außenseitergeschichten mit den Arbeiten von Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki vergleichen. Auch in seinem neuen, schwarzweiß gedrehten Film „Dark Horse“ gehe es „um Menschen“, so der Regisseur, „die nicht in die Gesellschaft passen, zu der sie gehören.“ Und so bewegen sich seine Helden mit traumwandlerischer Sicherheit durch eine parallele Welt von Zeichen, die sich in den besten Momenten zu filmischen Sinnbildern verdichten. 



Schon die erste, mit „Daniel gegen das System“ betitelte Katalogseite zieht den Zuschauer in diesen eigenwilligen Außenseiterkosmos, in dem die Paradoxien zwischen Individuum und staatlichen Behörden lebendig sind: Daniel (Jakob Cedergren), ein jugendlicher Slacker und ziemlich sorglos lebender Verweigerer, wird aufs Finanzamt zitiert, weil sein Verdienst von vierzig Kronen in vier Jahren der Steueraufsicht unglaubwürdig erscheint. In der Tat ist der sympathische Antiheld ein Tagedieb und Lebenskünstler, der sich als Sprayer durchschlägt, indem er für seine Auftraggeber – und natürlich gegen Barzahlung – ebenso romantische wie phantasievolle Liebeserklärungen auf die Hauswände seiner Heimatstadt Kopenhagen sprüht. Mit verspielter Gleichgültigkeit und einer arglos wirkenden Unwissenheit, bei der nicht immer klar wird, ob sie echt oder nur vorgetäuscht ist, versucht Daniel vor allem als „Überbevormundung“ empfundenem Stress zu entgehen und entlarvt dabei fast nebenbei die mitunter lächerlichen Regeln des Systems. Fern üblicher Verantwortlichkeiten driftet der gesellschaftliche Außenseiter in seinem kleinen Fiat 500 durch einen zwanglosen Alltag, dabei stets abgeschottet unter einem Kopfhörer, der Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ zum Klingen bringt. 



Bis ihn sein Vermieter wegen fehlender Mietzahlungen aus seiner kleinen Containerwohnung schmeißt und Daniel schließlich in einem Schlaflabor Unterschlupf findet. Hier arbeitet sein übergewichtiger Kumpel Roger (Nicolas Bro), der von allen „Opa“ genannt wird und mit einem forschen Ordnungs- und Gerechtigkeitssinn begabt ist. Am liebsten zeigt der angehende Fußballschiedsrichter seinen Mitmenschen deshalb die Rote Karte. Als sich die beiden Antipoden in das gleiche Mädchen verlieben, gerät ihre Freundschaft kurzzeitig in eine Krise. Schließlich ist die schöne Francesca (Tilly Scott Pedersen), die sich hin und wieder der Wirkung psychoaktiver Pilze anvertraut, von einer ähnlichen Schwerelosigkeit beseelt wie Daniel. 



„Dark Horse“ handelt von Wegen, die sich kreuzen, und von gegensätzlichen Bewegungen, die aus der Gesellschaft heraus oder in sie hinein führen. So ändert sich auf fast beiläufige Weise das Leben aller Protagonisten, zu denen auch noch ein merkwürdig lethargischer, an seinem Verschwinden arbeitender Richter (Morten Suurballe) gehört. Während die einen ihrer Verantwortung nicht mehr gewachsen sind oder sich ihr entziehen, müssen die anderen diese erst noch lernen. In einer der schönsten Szenen des Films wird dieser Umschlag veranschaulicht: Vor einer aufgeklappten Zugbrücke kommt der Verkehr und damit alle zielgerichtete Bewegung zum Stehen; eine unfreiwillige Pause versetzt die Gedanken in Schwingung und schenkt dem Filmbild einen entscheidenden Augenblick lang Farbe. Danach ist nichts mehr so wie es war. 
 



10. März 2006

 



 


 

Wolfgang Nierlin

HOME//KARLSTORKINO//AKTIVE MEDIENARBEIT//ÜBER UNS//IMPRESSUM