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Filmtext

In the Ghetto
In the Ghetto

Gleich die ersten Bilder stimmen ein auf die schrecklich schöne Atmosphäre des Films: Der Blick gleitet über einen Fjord im Westen Islands und bleibt schließlich haften an einem wuchtigen, schneebedeckten Felsblock, der erratisch und wie ein Wahrzeichen aus der leeren Landschaft ragt. Abgeschieden, weit entfernt von der Hauptstadt Reykjavík liegt hier ein Ort, der verlassener wirkt als er ist. Wie es sich für die Bewohner einer solch ländlichen Einöde gehört, sind sie verschlossen und eigen, um nicht zu sagen skurril. In der kalten, klaren Luft, die nur kurze Zeit des Tages in bläulichem Licht erstrahlt, haben die Menschen einen wunderlichen Eigensinn entwickelt, den sie mit größter Selbstverständlichkeit pflegen. Da überrascht es nicht, wenn die Großmutter ihr jugendliches Enkelkind morgens mit einem Gewehrschuß weckt; oder wenn der einzige Buchhändler am Ort, ein bärbeißiger Kierkegaard-Verächter, seinen Abscheu vor dem „Wahnsinn der Großstadt“ mit einem T-Shirt kundtut, auf dem in großen Lettern steht: „New York Fucking City“. 



Der 1973 auf Island geborene Dagur Kári hat für seinen ersten abendfüllenden Spielfilm „Nói Albinói“ eine Welt erfunden, „die es nicht wirklich gibt, die aber trotzdem existieren könnte“, wie er selbst sagt. Angesiedelt in diesem merkwürdigen Zwischenreich, erzählt er frisch und unverbraucht noch einmal jene alte Geschichte vom gesellschaftlichen Außenseiter, der den engen Zirkel dieses Mikrokosmos durchbrechen möchte. Nói (Tómas Lemarquis) heißt der titelgebende jugendliche Held, der als mutterloses Einzelkind bei seiner Großmutter lebt. Der Vater, ein abgehalfterter, desillusionierter Rebell mit Elvis-Touch, der Taxi fährt und trinkt und einmal melancholisch schön „In the Ghetto“ singt, versucht seinen Sohn halbherzig von Zeit zu Zeit mit angestaubten Durchhalteparolen und sehr männlichen Lebensweisheiten auf Kurs zu bringen: „Die Pünktlichkeit ist der Schlüssel zum Tempel der Ordnung“. Denn Nói kommt nicht nur chronisch zu spät in die Schule, um dort mehr oder weniger Schlaf nachzuholen, sondern bleibt meistens gleich dem Unterricht fern. Stattdessen treibt er sich lieber beim Buchhändler herum oder in der Tankstelle, wo er sich in die zurückhaltende Íris (Elín Hansdóttir) verliebt und gemeinsam mit ihr von einem anderen Leben fern der Heimat träumt. 



Auch wenn Nói Regeln verletzt und es zumindest in der Schule mit seinen Provokationen übertreibt, wirkt der empfindsame Junge mit der Glatze eher schutzbedürftig als aufmüpfig. Stärke und Unabhängigkeit scheinen bei ihm einem unerschütterlichen Gleichmut zu entspringen und sind zugleich Merkmale einer trostlosen Verlorenheit, deren sich Nói tief im Innern gewiß ist. Sein Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit besitzt einfach keinen sicheren Ort. Wäre da nicht Íris, die ihn nur zu gut zu verstehen scheint. Und gäbe es nicht jenes dunkle, warme Kellerversteck, in das sich Nói wie in einen Mutterschoß für seine einsamen Tagträume zurückzieht. 



Mit diesem Bild eröffnet Dagur Kári zugleich eine verzweigte Todessymbolik, die sich durch den ganzen Film zieht und schließlich in einer Katastrophe ihren zugespitzten Ausdruck findet. Trotzdem ist die lakonisch erzählte Tragikomödie mit ihren ruhigen, atmosphärisch stimmungsvollen Bildern und ihrem eigenwilligen Humor, der eine ausgleichende Spannung zu den Konflikten des Jungen unterhält, nicht hoffnungslos. Ihr doppeldeutiger Schluß ermöglicht vielmehr auf widersprüchliche Weise einen Neuanfang. Dieser beginnt mit einem schmerzlichen Verlust. 

17. Oktober 2003


Wolfgang Nierlin

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