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Filmtext

Verwirrung der Gefühle
Verwirrung der Gefühle

Der Anfang des Films könnte auch ein Tagtraum sein: Die 17-jährige Alma Schöne (Anna Fischer), bei der Schauspieleragentur „Actors with a face“ unter Vertrag, stellt sich bei einem Casting vor. Während sich ihr Gesicht im Sucher der Videokamera von der unscharfen Silhouette ihres Körpers im Bildhintergrund abhebt und bereits dadurch die Distanz zwischen Wirklichkeit und Abbild, Wunsch und Realität markiert wird, hört man Fahrgeräusche einer S-Bahn, die erst später ins Bild kommt – in übertragener Bedeutung für Ankunft und Aufbruch. Sie solle verschiedene Emotionen ausdrücken, wird Alma aufgefordert. Und so spielt die junge Frau nacheinander Aufregung, Enttäuschung, Glück. Es ist dies ihr Eintritt in die Fiktion, in ein Spiel mit Emotionen, aber – oder gerade deshalb – auch in die Erwachsenenwelt mit ihren Selbsttäuschungen und Lebenslügen.



In Jeannette Wagners Spielfilmdebüt „Liebeskind“, das die gebürtige Heidelbergerin als Abschlussarbeit ihre Studiums an der dffb realisierte, ist die Unsicherheit der Gefühle eng verknüpft mit dem Erwachsenwerden. Eine doppelte Suche spiegelt sich im Prozess dieser Loslösung: Alma, fast rastlos unterwegs, erprobt ihre sexuelle Identität und sehnt sich dabei nach dem schmerzlich vermissten Vater. Dieser, ein Arzt namens Fred (Lutz Blochberger), ist seit ein paar Monaten wieder in der Stadt nachdem er fünf Jahre früher scheinbar grundlos seine Familie verlassen hatte, um bei den „Ärzten ohne Grenzen“ im Sudan, in Afghanistan und in Pakistan zu arbeiten. Die Wiederbegegnung zwischen Vater und Tochter verläuft deshalb zunächst ziemlich schroff. Schon bald wird jedoch klar, dass Alma die Zurückweisung inszeniert, um Freds Nähe zu gewinnen. Je näher sich jedoch der noch jugendlich wirkende Vater und die sich erwachsen gebende Tochter kommen, desto sicht- und spürbarer werden die Grenzverletzungen zwischen kindlichem Spiel und körperlicher Zärtlichkeit.



Alma ist in ihren Vater Fred verliebt, der sie mitunter wie eine Geliebte behandelt und doch immer wieder gerade davor zurückschreckt. Auf Freds Freundin, die Hebamme Inka (Viviane Bartsch), reagiert sie mit Eifersucht; ihren Verehrer Wenzel (Radik Golovkov), ein junger Russe mit viel Witz und Charme, der sie trotz Rückschlägen mutig und unverdrossen umschwärmt, weist sie immer wieder zurück; Freds Komplimente bezüglich ihrer Ähnlichkeit mit der Mutter Barbara (Suzanne Vogdt) erfüllen Alma mit selbstbewusstem Stolz; und „Pulke“, ihren Kosenamen aus Kindertagen, mag sie nicht mehr hören. Allmählich sickert durch, dass das immer offensichtlicher werdende inzestuöse Verhältnis eine Vorgeschichte haben könnte, die eng mit dem Verschwinden des Vaters verbunden ist.



Behutsam und unspektakulär nähert sich der Film diesem Tabu, ohne dessen möglicherweise dunklen Grund zu heben. Dabei handelt „Liebeskind“ zugleich vom Ende der Kindheit und den ersten Schritten in ein selbstbestimmte Leben: Zwischen Naivität und jugendlichem Erfahrungshunger, zwischen gespielter Reife und einem starken Selbstbehauptungswillen schwanken Almas Versuche, den entbehrten Vater in Gestalt des Geliebten wiederzugewinnen. Ihr Gesicht wird dabei zum Schauplatz der Gefühle. Beim diesjährigen „Filmfestival Max Ophüls Preis“ in Saarbrücken wurde Anna Fischer für ihr ausdrucksstarkes Spiel deshalb auch als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet.



(Heidelberg, Karlstorkino: 21., 22., 24. und 25.4; zur Vorstellung am Samstag wird die Regisseurin Jeannette Wagner erwartet.)



6./8./10. April 2006

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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