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Filmtext

Sweet Home
Sweet Home

Weite, flache Landschaften unter einem grauen Himmel, Neubaugebiete mit noch unbewohnten Fertighäusern, Brachland, Lagerhallen und kalte Betonsiedlungen: Fremd, unwirtlich und seelenlos wirken die Schauplätze in Bouli Lanners Spielfilmdebüt “Ultranova”. Unbehaust und verloren bewegen sich die Figuren durch Räume, die Orte des Übergangs metaphorisieren und an der Grenze zum Unwirklichen beheimatet sind: Als wäre die Erinnerung gelöscht und die Geschichte erschöpft.



Ein Auto liegt, aufs Dach gekippt, abseits der Straße in einem Feld. Ohne Grund wurde der Airbag aktiviert. Das Leben ist aus der Spur, ein schleichender Prozess emotionaler Vergletscherung hat sich seiner bemächtigt. „Wenn du erfrierst, merkst du es nicht“, sagt Jeanne (Marie du Bled), Expertin für Lebenslinien. Mit einem Messer schneidet sie sich in die linke Hand, um die ihrige zu ändern. Die Angst vor dem Kontrollverlust und der Versuch, seine Gefühle im Griff zu haben, kontrastieren in „Ultranova“ mit dem Wunsch, einer allgemeinen Kälte und Trauer zu entfliehen.



Doch die Wunden der Vergangenheit haben sich den Seelen eingeprägt. Der introvertierte, schweigsame Dimitri (Vincent Lecuyer) lebt allein, scheinbar ohne sozialen Zusammenhang und arbeitet bei einer Fertighausfirma mit Namen „Sweet Home“. Er verliebt sich in Cathy (Hélène de Reymaeker), die zusammen mit Jeanne Möbel verpackt. Cathy ist als Waise aufgewachsen; sie sagt, sie habe genug geweint. Und so bleibt ihr vages Verhältnis zu Dimitri, der anders ist als die anderen, ein geschwisterliches.



Auch wenn das wirkliche Leben ein Trugbild bleibt, durchdringt doch die Sehnsucht nach einem Ort, einem Zuhause, den sich gestaltlos zeigenden Raum. Bouli Lanners, der seinen Film episodisch gegliedert hat, erzählt die inneren Dramen in Metaphern und ruhigen, poetischen Bildern, die an der Grenze zum Skurrilen angesiedelt sind. Dabei gelingen dem belgischen Regisseur immer wieder fast unmerkliche Verschiebungen, die sich dem vermeintlich Unwirklichen öffnen und so Momente einer besondern Verlorenheit evozieren. 



19. Mai 2006

 



 

Wolfgang Nierlin

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