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Filmtext

Auf der Suche nach der verlorenen Intimität
Auf der Suche nach der verlorenen Intimität

Paris im Jahre 1912. Ein Mann erzählt von sich und seiner Geschichte: Er genieße „die Ruhe eines glücklichen Mannes“ und gehe „erhobenen Hauptes“ durchs Leben, sagt der vermögende Zeitungsverleger Jean Hervey (Pascal Greggory) aus dem Off des Films. Währenddessen sieht man ihn bei seiner Ankunft auf einem Bahnsteig im Strom einer dichten Menschenmenge. Von ihr hebt sich der wohlsituierte Angehörige einer absterbenden Gesellschaftsschicht am Ausgang der Belle Époque ab durch Sprache, Habitus und Stil; und zugleich folgt er dem Rhythmus ihrer Bewegung, wird er als Mensch unter Menschen von ihr verschluckt. Der französische Theater- und Filmregisseur Patrice Chéreau zeigt in seinem neuen Film „Gabrielle – Liebe meines Lebens“ diese Szenen in Schwarzweiß. Als Sprache der Erinnerung und der allgemeinen Einsichten verdichten sie eine schwebende Zeitlosigkeit, die bald von den düsteren Farben des Schmerzes und des Dramas abgelöst wird.



Die berühmten Donnerstagsempfänge der Herveys im erlesenen, geschmackvollen Ambiente ihrer Stadtvilla bringen diese ausgezehrte Farbigkeit ins Spiel. Mit hektischen Reißschwenks führt Eric Gautiers Kameraauge in die mondäne Gesellschaft ein, ohne sich in ihr zu verfangen. Vielmehr streift sie lediglich das Stakkato der Gesichter, umkreist sie das Durcheinander der Stimmen, um die Wirkungen dieser Salonkultur in ihren Signalen zu erfassen. Bei den eingespielten Ritualen der Teilnehmer zählt allein die Etikette, wird jede Regelverletzung als Bruch der Konvention mit Verachtung geahndet. Das geordnete Leben duldet keine Auffälligkeiten. Es macht aus den Menschen Gefangene, die diese Gefangenschaft pflegen. Im Falle Jean Herveys, der es in diesem Sinne zu etwas gebracht hat und dessen Selbstcharakterisierung sein Ansehen bezeugen soll, markiert das auf fast ironische Weise auch eine Fallhöhe. Als Gefangener seiner Gesellschaftsschicht ist er ein Gefangener des Lebens.



Vor diesem Hintergrund erzählt Hervey mit Worten, die aus einem jenseitigen Raum zu kommen scheinen, die Geschichte seiner ersten und einzigen Liebe. In einer Welt tabuisierter Gefühle wirkt das Bekenntnis, erst die Liebe zu seiner Frau habe seine eigene Existenz begründet, fast skandalös. Umso stärker ist deshalb auch der Schock, als Hervey am Abend vor dem Donnerstag einen Brief vorfindet, in dem ihm seine Frau Gabrielle (Isabelle Huppert) lapidar und unmissverständlich mitteilt, dass sie ihn soeben verlassen habe. Unerträglich sei ihr Zusammenleben geworden, und sie habe ihn nie geliebt, heißt es in wenigen Zeilen über ihre 10-jährige Ehe. Doch schon dreieinhalb Stunden später kehrt sie zurück, umflort von einer undurchdringlichen Kühle und einer unnahbaren Fremdheit. Gabrielle, die in den Armen eines anderen Mannes sexuellen Trost gesucht hat, leidet an der Abwesenheit von Intimität. Sie sagt: „Ein Mal im Leben habe ich das Recht, zu erfahren, was Liebe ist.“ Noch mehr jedoch leidet sie an ihrer Rückkehr als einem Eingeständnis ihrer Schwäche: „Ich habe es nicht geschafft.“



Patrice Chéreau hat „Gabrielle“, der auf Joseph Conrads Kurzgeschichte „Die Rückkehr“ basiert, als „Zwei-Personen-Bürgerkrieg im goldenen Käfig geregelter Umgangsformen“ bezeichnet. Als Tragödie einer Beziehung, in der sich die Partner isoliert haben und es weder Intimität noch Begierde gibt, bildet der Film zugleich das Gegenstück zu Chéreaus ungleich lustvollerem „Intimacy“. Das ganze Ausmaß des gesellschaftlich verordneten Gefühlsverbots zeigt sich in einem Satz Gabrielles: „Wenn ich gewusst hätte, dass du mich liebst, wäre ich nie zurückgekommen.“ Nach ihrer Rückkehr ist deshalb auch der Riss in der Fassade bürgerlicher Ehe-Konventionen sowohl von innen her als auch nach außen hin irreparabel. Chéreau inszeniert das durch einen ständigen, räumlich irritierenden Perspektivenwechsel, der das häusliche Gefängnis ins Wanken bringt. Und er trägt den schmerzlichen Konflikt an die Öffentlichkeit, indem er vor allem das Hauspersonal zu Zeugen macht; womit auf paradoxe Weise und dabei höchst intensiv die verlorene Intimität unter den unheilvollen Zeichen eines verstörenden Endes zurückkehrt. 

(7. Februar 2006)

 



 


 


 

Wolfgang Nierlin

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