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Filmtext

Ins Leiden geboren
Ins Leiden geboren

“5 Bilder zur Arbeit im 21. Jahrhundert“ hat der österreichische Regisseur Michael Glawogger („Megacities“) seinen neuen Film „Workingman’s death“ im Untertitel genannt. Wobei „Bilder“ hier Episoden bezeichnen, Stationen einer Reise in die Welt körperlicher Arbeit, die wie auf einem Gemälde zu einem ästhetischen Ganzen verdichtet sind. Als bewusste Gratwanderung zwischen Dokumentation und Fiktion angelegt, bearbeitet und inszeniert Glawogger die vorgefundene Wirklichkeit, organisiert er das Material zu Panoramen menschlicher Existenz. So erscheint das Hässliche schön und bewahrt doch seine Einzigartigkeit als lebendiger Ausdruck eines unmissverständlichen Daseins. Und obwohl diese „Bilder“ unter schwierigsten Bedingungen entstanden sind, ist ihnen die Mühe kaum anzusehen.




Von wuchtigen, kraftvollen Trommelschlägen (Musik: John Zorn) unterlegt und von überdimensionierten Vorspanntiteln verdeckt, die wie Schlagzeilen wirken, beschwört der Film mit seinen ersten Bildern noch einmal den revolutionären Geist einer ideologisch durchdrungenen Arbeitswelt. Am 31.8.1935 fördert der sowjetische Bergmann Aleksej Stachanov in einer Schicht 102 Tonnen Kohle zu Tage und wird so zum Helden der Arbeit und zum bewunderten Vorbild. Von ihm führt eine direkte Linie zur chinesischen Aufbruchseuphorie der Gegenwart, die, von einem Mao-Zitat eingeleitet, im letzten Teil des Films anhand der Arbeit im Stahlkombinat Liaoning beschrieben wird. „Man kann das Heute nicht mehr mit dem Gestern vergleichen“, lautet das Credo des technologischen Fortschritts, der als gewaltiger Funkenflug in die „Zukunft“ die Leinwand illuminiert.




Die Ambivalenz des Feuers, seine schaffenden und zerstörenden Kräfte, ist eine der herausragendsten Metaphern des Films. Die Dunkelheit und beklemmende Klaustrophobie in den engen Stollen einer ukrainischen Mine in Donbass, wo Bergleute illegal Kohle abbauen, um ihr Überleben zu sichern, beschreibt insofern das Ende eines Mythos: Die Begeisterung der Vorfahren ist verbraucht, überall herrscht Niedergang und Verfall: „Alles wird geschlossen, alles zerfällt“, sagt einer der Kumpel, der trotz allem seinen Humor bewahrt hat. Auch in den giftigen Schwefeldämpfen im indonesischen Kawah Ijen, wo mutige Lastenträger im unwegsamen Gelände unterhalb eines Vulkans in einem grandiosen Bild der Ungleichzeitigkeit zu Objekten touristischer Neugierde werden oder im pakistanischen Gaddani, wo verarmte Paschtunen unter primitiven Arbeitsbedingungen alte Tankschiffe zerlegen, dominiert inmitten des Zerfalls der pure Überlebenswille.




„Diese Arbeit ist der Tod selbst“, sagt einer der gläubigen Paschtunen, die ihr Schicksal als gottgewollt nehmen. Auch im Schlachthof von Port Harcourt in Nigeria, wo inmitten eines unglaublichen Chaos aus Blut, Dreck, Geschrei, Qualm und Tod größte Lebendigkeit herrscht, ist dieses Gottvertrauen allgegenwärtig. Sie seien „in das Leiden geboren“, sagt einer der Arbeiter. Glawoggers Absicht, den „sinnlichen Akt“ der Arbeit zu zeigen, findet hier reiche Nahrung. Denn jenseits aller Ideologien, wird Arbeit in „Workingman’s death“ immer schon in ihren kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Bezügen sichtbar. Die Bilder und Sätze seines beeindruckenden Films relativieren insofern auf beunruhigende Weise immer auch den Blick auf das Eigene. (Heidelberg, Karlstorkino, bis 26.7.) 



21. Juli 2006

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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