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Filmtext

Jules und Jim in Turin
Jules und Jim in Turin

“Geschichten sind wie Staub im Wind”, heißt es gleich zu Beginn von David Ferrarios preisgekröntem Spielfilm “Dopo mezzanotte” (Die zweite Hälfte der Nacht) über die Vergänglichkeit der Kunst. Und Antoine Lumière, der Vater der berühmten französischen Filmpioniere Louis und Auguste, habe prophezeit, dass das Kino keine Zukunft haben werde. Beides wird durch jeden Kinobesuch stets aufs Neue widerlegt, denn Filme erschaffen selbst eine Wirklichkeit, die sie in den Biographien ihrer Zuschauer verankern. Filme sind aber auch höchst realitätshaltig, weshalb „Dopo mezzanotte“ neben einer Dreiecksgeschichte à la „Jules und Jim“ immer auch von Theorien filmischen Erzählens handelt. Lässt sich die Realität abbilden wie sie ist oder reproduziert jede Abbildung eine bestimmte Vorstellung der Wirklichkeit, wodurch der Blick auf sie verstellt wird?




Für den schweigsamen Eigenbrötler Martino (Giorgio Pasotti), der als Nachtwächter im Nationalen Filmmuseum in Turin arbeitet, ist jedenfalls der dokumentarische Ansatz der Brüder Lumière maßgebend. Und so bastelt der Buster Keaton-Fan mit Handkurbelkamera und alten Filmschnipseln selbst an einem kleinen Film über gesellschaftliche Phänomene des Alltagslebens, das sich im Laufe der Zeit nur unwesentlich zu verändern scheint. Jedoch gerät ihm sein liebevoll montiertes Werk unter der Hand zu einer poetischen und natürlich inszenierten Liebeserklärung an die schöne Imbissverkäuferin Amanda (Francesca Inaudi). Diese flüchtet sich eines Nachts nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Chef zu Martino ins Museum, das in der berühmten Mole Antonelliana, dem Wahrzeichen Turins, untergebracht ist. In einer abgeschotteten Welt zwischen Traum und Realität, zwischen alten Filmen und phantastischen Requisiten verlieben sich die beiden ineinander.




Während in der Frühzeit des Kinos, so erklärt uns der ironische Off-Erzähler, Geschichten noch hauptsächlich über Schauplätze entwickelt wurden, stehen heute Figuren im Mittelpunkt. Angelo (Fabio Troiano) heißt der dritte im Bunde von Ferrarios phantasievoll inszeniertem Liebesfilm, der zugleich eine anspielungsreiche Liebeserklärung ans Kino ist. Der leidenschaftliche Autodieb und windige Frauenliebling, der aus dem Turiner Problemviertel Falchera stammt, will vor allem die Kontrolle nicht verlieren. Aber genau das passiert ihm mit Amanda, seiner „offiziellen Freundin“, als diese sich in Martino verliebt auf tragische Weise. Mit einem versöhnlichen Augenzwinkern seines Regisseurs wird Angelo zum „fliegenden Engel“, als bedeute im kosmischen Kräfteaustausch das Glück des einen das Unglück des andern. In „Dopo mezzanotte“ jedenfalls gilt der Mathematiker Tribonacci, der in den gesetzmäßigen Zahlenverhältnissen eine Harmonie erblickte, als Kronzeuge für die Sinnhaftigkeit der Welt. (Heidelberg, Karlstorkino, bis 2.8.)



28. Juli 2006

 



 

Wolfgang Nierlin

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