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Filmtext

Die Hoffnung der Frauen
Die Hoffnung der Frauen

Djérisso heißt das kleine senegalesische Dorf, das gleich zu Beginn des Films aus der Vogelperspektive zu sehen ist. Ein scheinbar intakter Mikrokosmos dörflichen Zusammenlebens, in dem alles seinen Platz hat und jeder seine Rolle erfüllt: Die Männer haben das Sagen, die Frauen versehen ihre Mutterpflichten und erledigen die häusliche Arbeit und über allem thront die Autorität der Alten. Vom Patriarchat, dem islamischen Glauben, der Vielehe und den Strukturen der Großfamilie ist diese traditionelle Gesellschaft geprägt. Und doch sind die Verhältnisse komplizierter, gibt es Rechte und Pflichten, die aus den älteren Schichten dieser gewachsenen Gemeinschaft kommen: aus dem Volksglauben und dem mit ihm verbundenen magischen Ritualen. „Moolaadé“ bezeichnet einen solchen Zauber, der im gleichnamigen Film von Ousmane Sembène, dem Altmeister des afrikanischen Kinos, als Schutz- und Asylrecht zugleich ein Frauenrecht markiert. Der Termitenhügel unweit der Moschee symbolisiert diesen Brauch und setzt so auch bildlich die beiden Traditionen in ein spannungsreiches Verhältnis.




Vier junge Mädchen sind vor ihrer Beschneidung zu der eigensinnigen, resoluten Mama Collé Ardo (Fatoumata Coulibaly) geflüchtet. „Man darf niemandem, der darum bittet, den Schutz verweigern“, sagt die starke Frau, bevor sie als Zeichen der Moolaadé ein Band vor den Eingang zu ihrem Hof spannt. Nur ihr Beschwörungswort könnte in der Folge den Bann aufheben. „Es geht um Leben und Tod“ beruft sich Collé auf ihre Verantwortung. Sie ist selbst ein gebranntes Kind: Als Folge der blutigen, schmerzhaften Genitalverstümmelung, die dem Brauch nach der Reinigung für die spätere Ehe dienen soll, hat sie zwei Kinder verloren; ihre Tochter Amasatou (Salimata Traoré) wurde schließlich durch einen Kaiserschnitt entbunden. Sie blieb aufgrund Collés Verweigerungshaltung eine Bilakoro, eine „Unbeschnittene“. Dieser „Skandal“ gewinnt durch Collés neuerliche Intervention zusätzlich an Brisanz. Zumal Amasatou Ibrahima Doucouré, den aus Frankreich zurückgekehrten Sohn des Dorfoberhaupts, heiraten soll.




Der Beischlaf mit einer „Unbeschnittenen“ gleiche Gotteslästerung behaupten die rot gewandeten Beschneiderinnen („Salindana“) im Verbund mit dem Ältestenrat. Weshalb diese nicht heiraten dürften und keine Kinder bekämen. Hinter dem individuellen Schicksal der Mädchen, die unter den Folgen der – mitunter tödlich endenden - Beschneidung oft das ganze Leben leiden, steht also das Wohlergehen der ganzen Dorfgemeinschaft. Sembène beleuchtet diese komplexen Zusammenhänge, in denen mit der bedrohten Autorität des Mannes ein vielschichtig gegliedertes hierarchisches System zur Disposition steht, aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei knüpft er den Konflikt zwischen Tradition und Moderne und die Hoffnung auf ein Ende der Tyrannei (“Die Männer wollen unser Hirn einsperren. Wie kann man etwas Unsichtbares einsperren?“) an die Möglichkeiten der durch Massenmedien vermittelten Aufklärung: Während die von den Männern konfiszierten Radiogeräte auf dem Dorfplatz zu einen Scheiterhaufen geschichtet werden, zeigt das Schlussbild von „Moolaadé – Bann der Hoffnung“ eine Empfangsantenne.



20. Juli 2006

 



 

Wolfgang Nierlin

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