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Filmtext

Wege in die Dunkelheit
Wege in die Dunkelheit

“Der Wald steht schwarz und schweiget”, heißt es im „Abendlied“ von Matthias Claudius als Ausdruck eines romantisch gestimmten Naturgefühls. In Jessica Hausners Mysterythriller „Hotel“ singt ein Kinderchor diese berühmten Verse einer ebenso ursprünglichen wie ambivalenten Sehnsucht. Die undurchdringliche Dunkelheit des Waldes, seine nächtliche Stille und sein märchenhafter Zauber, der geheimnisvoll, gefährlich und voller Rätsel ist, bilden ein wesentliches Motiv im Film der 1972 geborenen Österreicherin. Alle Fragen scheinen hinaus zu führen an jenen merkwürdig verwunschenen Ort, der Ängste weckt und eine magische Anziehung ausübt, der das Unbestimmte als dunkle Macht evoziert und das Verschwinden begünstigt. Der Wald ist ein Ausweg, der keine Antworten gibt.



Das titelgebende „Hotel Waldhaus“ steht inmitten dieser schweigenden Natur und ist selbst ein mysteriöser Ort, angefüllt mit dunklen Ahnungen. Hierher kommt die junge Irene (Franziska Weisz), um ihre Stelle als Rezeptionistin anzutreten. Seltsam unbelebt wirkt das Haus, die wenigen Gäste sind mürrisch, das Personal verschlossen, Irenes Vorgesetzte zeigen sich streng und abweisend. Auf ihrem nächtlichen Kontrollgang bewegt sich die stets korrekte Angestellte durch lange, matt beleuchtete Flure, die förmlich in die Finsternis führen und vor jener Kellertür enden, die immer verschlossen sein müsse. Denn, so der Hotelmanager Kos (Peter Strauß), „der Teufel schläft nicht.“



Die Legende von der Waldfrau, einer mittelalterlichen Heilerin, die als Hexe verbrannt wurde, macht die Runde. Im Wald, in der Nähe der Teufelsgrotte, wo ihrer gedacht wird, sei im Jahre 1962 eine Gruppe von Ausflüglern auf mysteriöse Weise verschwunden. Aus ebenso unbekannten Gründen ist auch Irenes Vorgängerin Eva Stein spurlos verschwunden, mit der sich die zunehmend zur isolierten Außenseiterin werdende Hotelangestellte immer mehr identifiziert. Irene bewohnt Evas Zimmer mit dem „komischen Geruch“, sie trägt vorübergehend deren Brille und scheint ihr auch äußerlich zu ähneln. Wie Eva bandelt auch Irene mit einem jungen Mann an und wird immer öfters vom nächtlichen Wald angezogen, dem sie schließlich in einem schutzlosen Augenblick erliegt.



Jessica Hausners streng stilisierte Film-Parabel handelt anspielungsreich von der Ambivalenz des Verschwindens. Mit kühler Sachlichkeit und subjektivem Kamerablick entwirft sie Räume der Angst und des Schreckens, die zugleich unwirklich wirken und sich dem Unbestimmten öffnen. Das unheimlich Fremde, das Unsichtbare ist da, ohne sicht- oder identifizierbar zu werden. Es wird zum jenseitigen Sehnsuchtsort der Existenz und zum undefinierten Gegenbild eines Lebens, das in einer bedrückenden, schier ausweglosen Enge gefangen ist. Nur die Angst, so scheint es, kennt kein Entrinnen. 



11. August 2006

 



 


 

 



 


 

 



 

Wolfgang Nierlin

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