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Filmtext

Metamorphose im Eismeer
Metamorphose im Eismeer

Kunst entstehe aus der Disziplinierung sexueller Energien, sagt der Multimediakünstler Matthew Barney, der dem interessierten Kinopublikum mit seiner 400 Minuten langen Pentalogie “The Cremaster Cycle” bekannt geworden ist. Das Flüssige, Gestaltlose und seine wechselnden Aggregatszustände auf dem Weg zur Form, der als schöpferischer Prozess fortwährender Verwandlungen verstanden werden kann, beschäftigt den Grenzgänger Barney auch in seinem neuen Film „Drawing Restraint 9“. Der Körper als formbares Objekt, seine sowohl reale als auch künstlerische Transzendierung in einen erweiterten Erfahrungs- und Bewusstseinsraum verbindet sich hier mit einer „art of whale“,  die im Naturverständnis der japanischen Shinto-Religion wurzelt. In einer Mischung aus ritualisierten Handlungen und gefilmten Performances kreiert Barney lebende Skulpturen, die Teil der Natur sind.



Auch „Drawing Restraint 9“ dokumentiert mit meditativer Konzentration und präzise erzählenden Bildfolgen einen so verstandenen Schöpfungsakt. Das japanische Walfangschiff „Nisshin Maru“ sticht in See; jedoch nicht, um Jagd auf die großen Säugetiere zu machen, sondern um im Verlauf ihrer langen Fahrt in arktische Gewässer eine Fettskulptur herzustellen, deren Form auf Deck des Schiffes von Matrosen bearbeitet wird. In einer von mehreren parallel dazu montierten Handlungen treffen zwei Passagiere, dargestellt von Matthew Barney und seiner Frau, der international bekannten Musikerin Björk, an Bord der „Nisshin Maru“ ein. Minutiös und mit einem hypnotischen, von Björk komponierten Soundtrack unterlegt, zeigt der Film, wie sich das Paar zeremoniell auf seine Vermählung vorbereitet, die schließlich in einem bizarren Liebesakt aus Lust und gegenseitiger Verstümmelung kulminiert: Die „occidental guests“ trennen sich im Verlauf einer ebenso zärtlichen wie grausamen Umarmung die Beine ab und verwandeln sich dabei in Wale; die auffällige Narbe in ihrem Nacken wird zur Atemöffnung. Schließlich tauchen sie ein ins Eismeer, während auf Deck der inzwischen verhärtete Block aus Vaseline, die symbolische Schöpfung und Geburt eines Wals, aufbricht und seine Form verlässt.



25. August 2006

 


Wolfgang Nierlin

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