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Filmtext

Stumme Vergebung, jenseitiger Trost
Stumme Vergebung, jenseitiger Trost

“Einer der größten Feinde des Kinos ist das Geschichtenerzählen”, hat der junge mexikanische Filmemacher Carlos Reygadas anlässlich seines beeindruckenden, von der Kritik überschwänglich gelobten Debüts “Japón“ (2002) gesagt. Auch sein neues Werk „Batalla en el cielo“ (Kampf im Himmel), im vergangenen Jahr am Festival in Cannes kontrovers aufgenommen, folgt dieser antiillusionistischen Maxime. In formalästhetischer Hinsicht präzise komponiert und klar gegliedert, ist Reygadas’ symbolischer Realismus dennoch dokumentarisch genau und höchst welthaltig. Die künstlerische Aversion gegenüber filmischer Repräsentation leugnet die nur dienende Funktion der filmischen Mittel und schenkt ihnen stattdessen ein Eigenleben. So entwickelt in der offenen Dramaturgie von „Batalla en el cielo“ vor allem die Kamera ein sehr subjektives Bild der Wirklichkeit. Ihre Autorenschaft entzieht sich der vorschnellen Identifikation; ihre suchende, schweifende Art macht sie zur Mitspielerin.



Daraus erfolgt eine Eroberung des Raums: Reygadas’ dezentrale, nebenordnende Erzählweise verbindet Haupt- und Nebensächliches, das Detail mit dem Ganzen und bewirkt so eine Gleichrangigkeit des Erzählten. Die Hierarchie der Bedeutungen löst er auf durch eine mitunter irritierende Gleichzeitigkeit, die von langen, ungeschnittenen Einstellungen getragen wird, wobei ebenso raffinierte wie bewegende Tonmontagen den Bildausschnitt aufladen und dadurch erweitern. Scheinbar absichtslos und zufällig fängt die Kamera eine Vielzahl von Fragmenten ein, die sich aneinander reiben und eine Gesellschaft in Widersprüchen zeigen. Carlos Reygadas radikale Darstellung einer negativen Erlösung verbindet deshalb stets individuelles und kollektives Schicksal.



„Batalla en el cielo“ spielt an einem Wochenende in Mexiko City. Die Kamera steigt auf aus dem Untergrund anonymer, gesichtsloser Unterführungen und überfüllter U-Bahnen, taucht ein in das Geflecht von Straßen, schließt sich einem Pilgerzug an und blickt von der Peripherie aus auf die Metropole. Sie verbindet die flirrende Vielfalt des modernen Lebens mit sozialen Gegensätzen, tief verwurzelte Religiosität mit traditionellem Patriotismus. Ein existentieller Mikrokosmos aus Lust, Angst, stummer Vergebung und falschem Trost grundiert das merkwürdig verhaltene, unterkühlt inszenierte Geschehen.

 



Dabei folgt der Film den Wegen des privaten Sicherheitsbeamten Marcos (Marcos Hernández). Der übergewichtige, einfältig und stumpf wirkende Familienvater arbeitet seit fünfzehn Jahren als Chauffeur und im Fahnendienst eines namenlosen Generals: Wie eine Kapitel-Gliederung strukturiert das wiederkehrende Hissen der Nationalflagge den Film. Tagsüber unterstützt Marcos seine Frau (Berta Ruiz) beim Verkauf von Uhren und Puddingtörtchen in einer Unterführung. Nach und nach wird sein stoisches Äußeres jedoch von einer inneren Unruhe kontrastiert, einer gedanklichen Abwesenheit, hinter der sich starke Schuldgefühle verbergen. Wir erfahren, dass Marcos zusammen mit seiner Frau ein Kind entführt hat, um Lösegeld zu erpressen; und dass dieses Kind jetzt tot ist.



Fast unmerklich gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht, wird die Wirklichkeit für ihn übermächtig und zugleich unscharf. Wie ein großes Kind versucht er sein Gewissen zu erleichtern, indem er Ana (Anapola Mushkadiz), der jungen Tochter des Generals, das Verbrechen gesteht. Aber das verschärft nur noch seinen inneren Druck, seine Einsamkeit angesichts einer Schuld, die aus der Not kommt. Marcos ist ein Ausgestoßener, der nach Vergebung sucht und doch nur Missachtung und Demütigung erfährt.



Mit der Figur Anas, die sich aus purer Lust und Langeweile in einer „Boutique“ heimlich prostituiert, installiert Carlos Reygadas ein Gegenbild, das die soziale Ungleichheit zwischen Arm und Reich in sexuelle Machtverhältnisse übersetzt. Der Diener verliebt sich in seine betont tolerante Herrin, ist für sie aber nicht mehr als ein Spielzeug, das nach Gebrauch höflich und bestimmt auf seinen Platz verwiesen wird. Etwa in der Mitte des Films, gewissermaßen gleich weit entfernt vom Leben und vom Tod, kommt es zur sexuellen Vereinigung der beiden Antipoden, die eingeschlossen wird von einem 360 Grad-Schwenk: ein Austausch zwischen innen und außen, eine Grenzverletzung und eine Ekstase, die Leben und Sterben verbindet und schließlich in einem archaischen Buß- und Opfergang zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe kulminiert, der den Reumütigen allerdings nicht versöhnt, sondern allenfalls durch den Tod erlöst.



9.-11. Mai 2006

 


Wolfgang Nierlin

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