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Filmtext

Aufeinander zu und voneinander weg
Aufeinander zu und voneinander weg

Zufällig und doch bestimmt, als wäre der öffentliche Raum ein Abbild des Unterbewussten und daher ebenso konkret wie übersinnlich, bewegen sich die Figuren des Films aufeinander zu. Eine Parallelmontage, hier zunächst Signum einer reinen Gegenwart, verdichtet diese Annäherung und ihre räumlichen Bedingungen zur Gleichzeitigkeit. Zwischen Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung schwanken die Heldinnen aus Christian Petzolds „Gespenster“. Bis sich Nina, Toni und Françoise in der Mitte des Films, quasi der Schnittstelle von Raum und Zeit, in einer emotional bewegenden Szene treffen. Und sich dann wieder voneinander entfernen, nicht ohne Spuren zu hinterlassen, Möglichkeiten anzudeuten. Die Zeit besitzt plötzlich eine Geschichte: Traum und Trauma, Sehnsucht und Schmerz sind ihre unhintergehbaren Voraussetzungen.



Immer wieder kreuzen sich die Wege der Protagonistinnen, deren Schicksale eng verzahnt sind mit der Umgebung. Zwischen Parkgelände, Brachland und städtischer Randbebauung wirkt die Gegend um den Potsdamer Platz in Berlin ebenso peripher wie zentral, offen wie geschlossen. Ein Ort des Übergangs, der sich sehr schön mit dem Motiv des Unterwegsseins verbindet; aber vor allem die Seelenlage der drei handelnden Frauen widerspiegelt. Introvertiert, schüchtern und verschlossen wirkt demgemäß die Jugendliche Nina (Julia Hummer), die in „einer Art Heim“ lebt, wie sie sagt, und bei einer Landschaftsgärtnerei gemeinnützige Arbeit verrichtet. Dabei lernt sie die Diebin Toni (Sabine Timoteo) kennen, die im Tiergarten von zwei Männern überfallen und bedrängt wird. Die schöne Streunerin ist getrieben und zornig, freizügig und ohne Halt: Ein gegensätzliches Temperament, bei dem Nina fast augenblicklich Nähe und Zuwendung sucht.



Von Anfang an wirkt das Zusammentreffen der beiden jungen Frauen märchenhaft und geradezu zeitlos. Christian Petzold lässt ihre Vorgeschichten im Dunkeln und verzichtet zugunsten einer elliptischen Erzählweise auf eine Hinführung. Sein Film wahrt Lücken, hält Distanz und verlagert so das Gewicht der Szenen in die einzelnen Einstellungen, ihre Atmosphäre und nachdenklichen Stimmungen. Lange, isolierende, in ein kühles Licht getauchte Klinikflure, aus subjektiver Sicht aufgenommen, führen auf diese Weise zur dritten Hauptfigur des Films: Die Französin Françoise Huret (Marianne Basler) ist eine Frau mit Vergangenheit. Seit dem Tod ihrer kleinen Tochter Marie leidet sie unter einem Verlusttrauma, unter Schwermut und Schuldgefühlen. Aber um ihren Schmerz zu verwinden, imaginiert sie ihr Kind ins Leben zurück, sucht sie es in der Begegnung mit fremden Mädchen. Als sie Nina trifft, wiederholt sich diese Projektion und findet in der Sehnsucht der liebesbedürftigen jungen Frau gar einen Widerhall. Auf ebenso unwahrscheinliche wie beunruhigende Weise belegen nämlich äußere Merkmale ihre vermeintliche Identität: eine Narbe, ein herzförmiger Leberfleck und die fototechnisch erzeugten Bilder eines zum Phantom gewordenen Menschen. Doch dann löst sich der Traum ab von der Wirklichkeit. Und der Schluss des Films mündet gewissermaßen in seinen Anfang zurück – in eine existentielle Endlosschleife aus Sehnsucht und Verlust.



26. Juni 2005
 

 



 


 


 

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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