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Filmtext

Jenseits von Michael Moore
Jenseits von Michael Moore

Es liegt sicherlich auch an den oberflächlichen TV-Nachrichten-Sendungen und an der Langeweile immergleicher Film-Stories. Im Kino wird verstärkt dokumentiert. Ob Michael Moore’s „Bowling for Columbine“, die schwäbischen Vorwerkvertreter in „Die Blume der Hausfrau“ oder die Uzulen aus „Carpatia“: nur einige Beispiele für eine immer bedeutendere Produktion an Dokumentarfilmen, also für Filme, die nicht-fiktional sind und die Wirklichkeit so abbilden, wie sie ist.



Aber so einfach ist es nicht. Es besteht Klärungsbedarf und man braucht einen Überblick. Denn sonst fällt dem Kino-Normalo gerade Michael Moore ein, wenn er einen Dokumentarfilmer nennen soll. Darum haben Verena Teissl, Mitarbeiterin der Viennale und Volker Kull, Ethnologe und Vorstandsmitglied des Heidelberger Medienforums, einen Band herausgegeben, der nach ein wenig Theorie und Geschichte in Interviews, durchgeführt von einem Mitarbeiterteam verschiedener Couleur, mit gegenwärtigen Regisseuren und Regisseurinnen zeigt, was es alles an Möglichkeiten beim Dokumentarfilm heute gibt. Sie  unterteilen die Dokumentarfilmemacher und –macherinnen grundsätzlich in „Poeten, Chronisten, Rebellen“, es werden noch ganz andere Typen dazugehören.



Eine illustre Runde aus aller Welt hat sich ins Buch gefunden, Harun Farocki aus Deutschland, die in Peru geborene Niederländerin Heddy Honigmann („O Amor natural“), Ulrich Seidl aus Österreich („Jesus, du weißt“), der ethnographische Filmemacher Dennis O’Rourke aus Australien, der Chilene Patricio Guzmán oder Mohammed Soudani aus Algerien. Das Interview mit dem Israeli Avi Mograbi mag als schönes Beispiel künstlerischer Selbstbehauptung unter unkünstlerischen Bedingungen ein kleiner Höhepunkt sein. Überhaupt lassen die Gespräche die jeweilige Persönlichkeit des Dokumentarfilmers sehr lebendig werden und vermeiden stereotype Befragungen.



Und wenn man bisher als Kinogänger diese Namen noch nicht kannte, wird einem dank der Interviews  nun viel deutlicher, dass der Dokumentarfilm sehr wohl eine ästhetische Form ist. Wie es auch der Chicagoer Dokumentarfilm-Dozent Michael Rabiger auf den Punkt bringt. „Gute Dokumentarfilme kommen aus einer tiefen Sehnsucht heraus, aus einer wahrhaftigen und bescheidenen Hingebung, eigene schwierige Erfahrungen zu verarbeiten und ihnen universelle Bedeutung zu verleihen.“ Daraus ergeben sich grundverschiedene Arten, der Wirklichkeit mit der Kamera in der Hand zu begegnen und sie darzustellen. Es ist das Verdienst von Verena Teissl und Volker Kull, dabei, im internationalen Überblick am Einzelfall höchst spannend zu zeigen, welches Entwicklungspotential der Dokumentarfilm bietet und welche Bedeutung er für den Film allgemein noch bekommen wird.



Verena Teissl, Volker Kull (Hg.): Poeten, Chronisten, Rebellen. Internationale DokumentarfilmemacherInnen im Porträt. Schüren Verlag Marburg 2006, 317 S., 24,50 Euro

 



 

 


Franz Schneider

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