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Filmtext

Schritte ins Leben
Schritte ins Leben

Der Film beginnt gewissermaßen mitten im Satz und so ähnlich endet er auch: Henner Wincklers „Lucy“, der genau und einfühlsam den Alltag einer jungen Mutter in der Großstadt Berlin beobachtet, weist keine konventionelle Spannungsdramaturgie auf. Das Erzählen ereignet sich im Nacheinander, dem Präsens des Handelns, und kommt dabei ganz aus den Figuren. Nichts wird forciert, vieles bleibt vage, manches ohne Antwort. In den Auslassungen erfährt der Zuschauer Augenblicke von Freiheit und gesteigerter Aufmerksamkeit. Damit korrespondiert ein quasi neutraler Erzählerstandpunkt, der abwartend registriert, jedoch immer nahe bei seiner Protagonistin bleibt, die mit großer Natürlichkeit agiert. Die filmische Ästhetik von „Lucy“ verdichtet jene Merkmale einer realistischen Wirklichkeitsdarstellung, die derzeit in vielen Arbeiten junger deutscher Filmemacher sichtbar wird und unter dem Begriff „Berliner Schule“ firmiert.



Die 18-jährige Maggy (Kim Schnitzer) ist vor wenigen Monaten Mutter eines Mädchens namens Lucy (Polly Hauschild) geworden. Vom ebenfalls noch jugendlichen Vater des Kindes, einem ehemaligen Mitschüler, will sie nichts mehr wissen. Deshalb wohnt sie weiterhin bei ihrer Mutter Eva (Feo Aladag), deren berufliche und private Unsicherheit sich in Maggys eigener Perspektivlosigkeit spiegelt. Die leicht schüchterne Teenagerin wirkt deplaziert in ihrer neuen Rolle und steht dem Erwachsenendasein noch eher fremd gegenüber. Plötzlich differiert ihre Erlebniswelt zu derjenigen der Gleichaltrigen, was einem Ausschluss gleichkommt und von ihren selbsttäuschenden Reintegrationsversuchen bestätigt wird. Als sie in einer Disco den etwas älteren Barkeeper Gordon (Gordon Schmidt) kennen lernt, scheint ein „Anschluss“ unter veränderten Vorzeichen wieder möglich. Die beiden ziehen zusammen und schlüpfen in die Rolle von Erwachsenen. Sie spielen Familie, ohne ein Gefühl dafür zu haben.



„Life is full of difficult decisions“, steht doppeldeutig auf einem Poster in Gordons Küche, das ziemlich viele Flaschen alkoholischen Inhalts zeigt. Der Hip Hopper überrascht zunächst mit seiner Entscheidung, zusammen mit Maggy und Lucy leben zu wollen. Doch am Ende ihrer Beziehung ist er von einem Gefühl der Einengung überwältigt: Er habe sich sein Leben „relaxter“ vorgestellt. Eine genauere Vorstellung bleibt er schuldig; und so scheitern die jugendlichen Helden gerade an der Notwenigkeit selbstverantwortlichen Handelns. Vor allem Maggy steht noch unaufgehoben, ohne Plan und Ziel im Leben. In beeindruckender Konsequenz zeigt Henner Wincklers Film, wie sich diese Unsicherheit in einer auch äußeren Ortlosigkeit, einem Hin-und-her-gerissen-Sein, widerspiegelt und sich schließlich zu einer beklemmenden Isolation verdichtet. Maggys Suche nach Geborgenheit ist damit allerdings noch nicht zu Ende erzählt. Vielmehr wächst sie in ihrer Beziehung zu Lucy und wagt einen weiteren Schritt ins Leben.



25. September 2006

 



 

Wolfgang Nierlin

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