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Filmtext

Nichts Schöneres auf dieser Welt
Nichts Schöneres auf dieser Welt

„Das ist nicht nur krank, das ist abnormal!“, habe sein Vater über eine seiner frühen Inszenierungen mit straffällig gewordenen Jugendlichen gesagt. Der postmoderne Theaterkünstler Robert Wilson arbeitete Ende der sechziger Jahre in den avantgardistischen Künstlerzirkeln des New Yorker Stadtteils Soho an der Auflösung der traditionellen Gattungsgrenzen, indem er Elemente aus Drama, Oper, Ballett und bildender Kunst zu einem Gesamtkunstwerk verschmolz. In seinen oftmals überlangen Stücken verbinden sich räumliche Strukturen mit suggestiven Tableaus, hypnotische Klang- und Lichteffekte mit tranceartigen Pantomimen. Gerade sein Interesse für Menschen, die aufgrund einer Behinderung ihre Sensibilität für nicht-sprachliche, weniger rationale Ausdrucksformen ausgebildet haben, beförderte Wilsons Entdeckung des eigenen Körperbewusstseins. Zugleich spiegelt sich darin seine lebenslange Identifikation mit geistig Versehrten und gesellschaftlichen Außenseitern.



Für Katharina Otto-Bernsteins Künstlerportrait „Absolute Wilson“ ist diese ursprüngliche Erfahrung der Ausgrenzung wesentlich. Ihr Dokumentarfilm, der entlang von Wilsons Selbstauskünften und den Interviews mit Weggefährten streng chronologisch den Werdegang des Ausnahmekünstlers erzählt, verzahnt dabei durch eine geschickte Montage Leben und Werk aufs engste. Wie eine Bewusstseinsspur des Unausgesprochenen ziehen sich Wilsons visionäre Bildwelten durch den Film und liefern so einen ästhetischen Subtext. Dahinter steht Otto-Bernsteins These vom Künstler als Genie, das seine Prägungen in der Kindheit erhält. „Das Genie ist nichts anderes als die wiedergefundene Kindheit“, zitiert sie Charles Baudelaire, bevor der 1941 im texanischen Waco geborene Wilson erzählt, wie er in einem wohlhabenden Elternhaus unter strengen Baptisten aufwuchs, als Kind selbst eine Sprachstörung und nur wenige Freunde hatte und sich schließlich der Konflikt mit dem Vater unter dem Eindruck seiner erwachenden Homosexualität und künstlerischen Ambitionen zuspitzte.



Wilson bricht sein lustlos begonnenes Jura-Studium ab und geht nach New York, wo er sich mit Architektur und modernem Tanz beschäftigt und vom revolutionären Zeitgeist erfasst wird. Aber erst seine bewegungstherapeutische Arbeit mit behinderten Kindern, seine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt nach einem Selbstmordversuch und die Begegnung mit Raymond Andrews, einem taubstummen schwarzen Kind, führen ihn zu neuen Fragen, die er 1970 in seinem monumentalen „Deafman Glance“ (Blick des Tauben) schließlich ausformuliert. Für Louis Aragon, der in einem offenen Brief an André Breton schreibt, er habe „nie Schöneres auf dieser Welt gesehen“, wird er damit zum legitimen Erben der Surrealisten. In seiner Zusammenarbeit mit dem autistischen Jungen Christopher Knowles („Letter for Queen Victoria“, 1974) entdeckt er die Sprache als Klangmedium, gemeinsam mit dem Komponisten Philip Glass („Einstein on the Beach“, 1976) revolutioniert er das Opernverständnis und hält Einzug in der altehrwürdigen „Met“ – was ihm doch noch die Anerkennung durch den Vater einbringt – bevor er mit Tom Waits und W. S. Burroughs in „The Black Rider“ (1990) schließlich auch den Durchbruch beim großen Publikum schafft.



13. Oktober 2006

 



 

Wolfgang Nierlin

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