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Filmtext

Mensch und Tier
Mensch und Tier

Längst haben sich die Bilder von Krieg und Vertreibung, von wirtschaftlicher Ausbeutung, Hunger und Flucht, aber auch von Umweltverschmutzung und Klimakatastrophen dem kollektiven Gedächtnis eingebrannt. In ihnen spiegeln sich sowohl die Macht riesiger Konzerne mit ihrer Anhäufung von Kapital in einem multinationalen, weltumspannenden Netz finanzieller Konzentration als auch die Schicksale der Opfer und Leidtragenden, die in Arbeitslosigkeit, schlechten Lebensverhältnissen und Armut gefangen sind. Dieser „widersprüchlichen Wirklichkeit“, die sich als Folge einer politischen und ökonomischen Globalisierung verstehen lässt, widmet sich bereits zum dritten Mal die „globale“, das von attac Heidelberg und dem hiesigen Medienforum veranstaltete „globalisierungskritische Filmfestival“. Mit insgesamt 28 überwiegend dokumentarischen Kurz- und Langfilmen, die vom 2. bis 8. November im Karlstorkino zu sehen sind und von Diskussionen begleitet werden, möchten die Initiatoren das Kino in einen Ort der politischen Aufklärung verwandeln, wo neben Hintergründen auch Formen des Widerstands sichtbar gemacht werden sollen.



Einen besonders aktuellen, gleichwohl traurigen Schwerpunkt setzen dabei die Beiträge ( u. a. „Der Marsch“, „Der 36. Breitengrad“, „Abschiebung im Morgengrauen“, „[Der Lagerkomplex]“), die sich mit Flucht und Vertreibung, illegaler Einwanderung und einer menschenunwürdigen Abschiebepraxis beschäftigen. In den Nachrichten sind die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa, die spanische Exklave Ceuta in Marokko sowie die Straße von Gibraltar bereits zu Synonymen einer tödlichen Realität geworden. Davon wird Corinna Milborn, Autorin des Buchs „Gestürmte Festung Europa“, in ihrem Referat am 5.11. berichten, das im Anschluss an die Vorführung von David Wheatleys bereits 1990 entstandenem Spielfilm „Der Marsch“ zu hören sein wird.



Ebenso aktuell und brisant sind zwei weitere Themenfelder des Festivals: die industrielle, durchrationalisierte Nahrungsmittelproduktion (wie sie unlängst schon in „We feed the world“ zu sehen war) und eine immer weiter sich in die Gesellschaft ausdehnende staatliche Überwachung (die geradewegs nach Guantánamo führt). Merkwürdige Korrespondenzen zwischen Mensch und Tier stellen sich ein, wenn man Nikolaus Geyrhalters präzise und mit subjektivem Blick komponierten Bilder seines ästhetisch stilisierten Films „Unser täglich Brot“ und die sich ebenso dialektisch wie filmdidaktisch seinem Gegenstand nähernden Reflexionen aus Harun Farockis „Gefängnisbilder“ nacheinander sieht. Plötzlich sind es nicht nur Gefängnisse, psychiatrische Anstalten, Kasernen und Einkaufszentren, die sich in ihrer Zurichtung des Menschen strukturell miteinander verbinden; vielmehr finden diese Institutionen eine fast unwirkliche Fortsetzung in den Hühnerfabriken, Mastzuchtanlagen und Schlachthöfen, wo Tiere zu reinen Produkten eines industriell optimierten Herstellungs- und Verwertungsprozesses degradiert werden. In den jeweiligen Schaltzentralen der Macht ähneln sich auf erschreckende Weise Organisationsformen, Kontrollmechanismen und die Methoden der Verfügbarkeit. 



(Heidelberg, Karlstorkino, 2. bis 8.
11; Info: www.karlstorkino.de/globale)



30. Oktober 2006

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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