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Filmtext

Delirium und Verhängnis
Delirium und Verhängnis

Der Film beginnt mit einer Prophezeiung: “Ich bin, was du sein wirst; und du wirst, was ich war.” Ein Rollentausch, mehr noch das Eintauchen in eine andere Existenz implizieren die ersten, unheilvollen Sätze, gesprochen von einer Stimme aus dem Off. Dieses dunkle Wissen übersetzt die 29-jährige peruanische Regisseurin Claudia Llosa, Nichte des berühmten Schriftstellers Mario Vargas Llosa, in ihrem Spielfilmdebüt „Madeinusa als Spiel der Gegensätze in eine Kreisstruktur, die die Bewegungen umkehrt und harte Kontraste erzeugt. Zwischen Ankommen und Weggehen, zwischen Stillstand und Aufbruch führen Tradition und Moderne einen unerbittlichen Kampf gegeneinander; angeführt von einem archaischen Brauchtum, in dem sich auf bizarre Weise indianische Kultur, christliche Religion und Aberglaube verbinden.



Ein Fremder, der sein altes, großstädtisches Leben flieht, landet eher zufällig und unfreiwillig in dem abgeschiedenen Andendorf Manayaycuna, wo gerade die „Heilige Woche“ zelebriert wird: Ein ausschweifendes religiöses Fest, das mit dem Tod Christi und seiner Kreuzabnahme beginnt und sich in einem kollektiven, von Alkohol und Sex beflügelten Sinnesrausch verliert. Weil Gott in diesen Tagen angeblich tot ist, gibt es keine Sünde, sind die üblichen Regeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt. Salvador (Carlos Juan de la Torre), der mit Fotoapparat und Diktiergerät bewehrte Zaungast aus Lima, ist also unerwünscht und wird sogleich in einen alten Stall gesperrt. Ein Blick zwischen der titelgebenden Heldin Madeinusa (Magaly Solier), die als „Heilige Jungfrau“ und traumhafte Erscheinung die farbenprächtige Leichnamsprozession, auf einer Wolke schwebend, anführt, und dem irritierten Ankömmling besiegelt beider Schicksal: „Verloren in dem, was dein Auge sieht“, singt die schöne Madeinusa in einer der beeindruckendsten Szenen des Films.



In einem anderen Lied identifiziert sie sich mit einem Vogel, der die Freiheit ersehnt und wegfliegen möchte. Madeinusa will ihrer verehrten Mutter nach Lima folgen, um der häuslichen Enge, den Ratten und Läusen zu entkommen: Der Vater Cayo Machuca (Ubaldo Huamán), Bürgermeister des Ortes, pocht auf sein vermeintliches Recht der ersten Nacht mit seiner Tochter; die desillusionierte jüngere Schwester Chale (Yiliana Chong) stellt mit eifersüchtiger Rivalität der Älteren nach. Salvador, in den sich Madeinusa sofort verliebt, verkörpert deshalb ihre Hoffnung auf Flucht in ein anderes Leben. Bald wieder auf freiem Fuß, wird der junge Mann jedoch vom Sog der unkontrollierten Leidenschaften erfasst. Unentschlossen und träge bewegt er sich zwischen Delirium und Verhängnis, bis sich die Gegensätze zu lösen scheinen beziehungsweise umkehren. Claudia Llosa zeigt diesen widersprüchlichen Prozess mit einem dokumentarisch genauen, konzentrierten Blick auf eine fremde, ebenso grausame wie lebensfrohe Wirklichkeit und entdeckt dabei die verstörende Schönheit kultureller Differenz.



17. Dezember 2006

 



 

Wolfgang Nierlin

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