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Filmtext

Wo die Kunst das Leben frisst
Wo die Kunst das Leben frisst

Körnig, nah und sehr intim ist die Schauspielerin Laura Conti (Sandra Ceccarelli) auf dem Casting-Video zu sehen, das sich in Cinemascope über die Leinwand erstreckt. Der Regisseur Luca Zano (Ninni Bruschetta) sucht nach der Hauptdarstellerin für einen Liebesfilm in historischen Kostümen, der im 19. Jahrhundert spielt und der im Original den gleichen Titel trägt wie Giuseppe Piccionis neue Arbeit: „La vita che vorrei (Das Leben, das ich immer wollte) ist von Anfang an ein beziehungsreicher Film-im-Film, der auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Proben- und Inszenierungsarbeit die komplexen Wechselwirkungen zwischen Kunst und Leben reflektiert und dabei die vielen Parallelen beziehungsweise fließenden Übergänge zwischen Sein und Schein, Fiktion und Wirklichkeit sichtbar macht. Wo sich diese in den unterschiedlichen Graden der Fiktionalisierung nicht ergänzen oder einander entsprechen, öffnet sich jener Spalt, der die Theorie des Schauspiels zu einer Frage der Lebens- und Liebeskunst macht.



Braucht wahre Kunst die Beglaubigung durch das Leben oder genügt ihr die handwerklich perfekte Verstellung? Ist sie ein Abbild der Wirklichkeit oder schafft sie sich selbst ihre Realität? Vielleicht könnte andererseits das Leben ein Text sein, der geprobt werden muss. Für die wenig filmerfahrene, aber trotzdem schon nicht mehr ganz junge Laura sind die eigenen Gefühle jedenfalls kaum zu trennen von denjenigen ihrer Verkörperungen. Ihr Leben selbst ist der Steinbruch ihrer Arbeit. Deshalb auch ist für sie umgekehrt die Kälte in der schönen Welt des Scheins so schwer zu ertragen. Ihr Kollege und Rollenpartner Stefano (Luigi Lo Cascio), ein routinierter Filmprofi, der sein Handwerk am Theater gelernt hat, tickt da völlig anders: Fein säuberlich sind bei ihm Kunst und Leben getrennt, was schließlich im Umkehrschluss bedeutet, dass er in seinen privaten Beziehungen unpersönlich, gleichgültig und kalt ist. Das ändert sich, als Stefano und Laura ein Liebespaar werden und sich das Filmset immer mehr in einen Schauplatz aus Leidenschaft, Eifersucht und Intrige verwandelt. In Entsprechung dazu wird die Trennlinie der Gefühle unschärfer, gleichen sich Leben und Kunst in einem fortwährenden Wechselspiel einander an.

 



So ist Giuseppe Piccionis Film über das Filmemachen, dessen bedeutender handwerklicher Unterbau in vielen aufschlussreichen Szenen wie nebenbei mitgeliefert wird, vor allem ein moderner Liebesfilm mit einem ganz eigenen Zeitgefühl und ständigen Rhythmuswechseln. Daneben liefert er aber auch eine kritische Milieustudie über die Welt des schönen Scheins, ihre oberflächlichen und geschäftsmäßigen Beziehungen, über Machtkämpfe, Konkurrenzverhalten und Eifersüchteleien „hinter der Szene“, wo alles Private sich in einem beziehungslosen (öffentlichen) Nebeneinander auflöst und die Kunst letztlich das Leben frisst.



22. Dezember 2006

 


Wolfgang Nierlin

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