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Filmtext

Trip in die Hölle
Trip in die Hölle

Ist es politische Naivität, jugendlicher Leichtsinn oder schlicht Abenteuerlust, dass die vier jungen Engländer Ruhel Ahmed, Asif Iqbal, Shafiq Rasul und Monir Ali im Herbst des Jahres 2001 in die afghanischen Kriegswirren geraten? Jedenfalls werden drei von ihnen, die nach ihrem Wohnort in der Nähe von Birmingham als „Tipton Three“ bekannt geworden sind, einige Wochen später von Soldaten der Nordallianz in der Taliban-Hochburg um Kundus gefangen genommen und von den Amerikanern schließlich in das berüchtigte illegale Lager von Guantánamo Bay auf Kuba verschleppt. Ihre Reise, die sie ursprünglich zu einer Hochzeitsfeier im pakistanischen Faisalabad führen sollte, wird so zu einem Trip in die Hölle von Gewalt, permanenter Demütigung und Menschenrechtsverletzungen.



Michael Winterbottoms und Mat Whitecross’ semidokumentarischer Spielfilm „Road to Guantánamo“, bei der letzten Berlinale mit dem Regiepreis ausgezeichnet, erzählt nichts über persönliche Motive und Hintergründe der unter Terrorverdacht geratenen Freunde. Auch geben sich die Filmemacher nicht als kritische Journalisten, die Zweifel am Wahrheitsgehalt der erzählten Zeugnisse anmelden würden. Vielmehr vertraut ihr radikal subjektives Dokudrama, das die Spielhandlung immer wieder durch Nachrichtenbilder und die betont nüchternen Berichte der Betroffenen unterbricht, auf die Innenperspektive der Opfer. Es ist dieser persönliche Blick, der „Road to Guantánamo“ so wertvoll macht, weil er ein Korrektiv zur offiziellen, von einer mitunter paranoiden Terroristenjagd geleiteten Außenperspektive bildet.



Für Winterbottom ging es deshalb einerseits um die „Kluft zwischen diesem imaginären Bild der Leute in Guantánamo und den wirklichen Menschen hinter diesem Bild“, andererseits um den Kontrast zwischen einer vielschichtigen Realität und politischen Simplifizierungen. Gleich eingangs sagt etwa George W. Bush über die mutmaßlichen Terroristen: „Mit Sicherheit weiß ich, dass es böse Menschen sind“, die, so ergänzt er später, nicht „die gleichen Werte“ teilten. Der Film stellt diesen Sätzen das Chaos, die Wunden und den Schmerz des Krieges gegenüber, wo Menschen zu Material werden und das Leben im „Gestank des Todes“ seinen persönlichen Wert verliert. Zugleich zeigt er auf jenen rechtsfreien Raum einer westlichen Demokratie, wo freiheitliche Grundwerte täglich mit Füßen getreten werden und die Menschenwürde unter Verachtung und Folter ihre Unantastbarkeit verliert. Diese Tatsache, ja die schiere Existenz des Lagers in Guantánamo, rechtfertigt die parteiische Perspektive dieses Films.



16. Oktober 2006

 



 


 

Wolfgang Nierlin

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