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Filmtext

Die Kehrseite des amerikanischen Traums
Die Kehrseite des amerikanischen Traums

Ein weiterer Film, der eine Vielzahl lose miteinander verbundener Handlungsstränge durch “short cuts” parallelisiert und über die Gleichrangigkeit des Erzählten sein Thema in die Breite einer Zustandsbeschreibung verlagert: “The house is burning” funktioniert wie die linearere Light-Version der Filme von Alejandro González Iñárritu, gepaart mit dem authentischen, ungeschminkten Look der Arbeiten Larry Clarks, wobei die abrupten Schauplatzwechsel durch suggestive musikalische Schmiermittel abgemildert werden. Allerdings konzentriert sich Holger Ernst in seinem zeitlich stark verdichteten Spielfilmdebüt auf die Geschehnisse eine einzigen Tages, die fast alle in Katastrophen münden. Ein etwas dick aufgetragener Hang zum Fatalismus durchzieht die Bilder einer aufgesplitterten Wirklichkeit, in der Jugendliche vergeblich nach Orientierung und Sicherheit suchen; wobei inhaltliche Setzungen mögliche individuelle Entwicklungen dominieren. Der 1972 geborene deutsche Regisseur, der seinen unter sogenannten „White Trash-Kids“ angesiedelten Film in den USA realisierte, hat zwar die Universalität der dargestellten Probleme betont, seine Geschichten und die von Four-Letter-Words durchsetzte Dialogsprache sind motivisch jedoch tief in der amerikanischen Mentalität verwurzelt.



Das zeigt eingangs und fast archetypisch die Figur des Steve Garson (Harley Adams), der seinen übermächtigen, gewalttätigen Vater Paul (John Diehl) umbringen will, weil dieser den Sohn demütigt, schlägt und als Verlierer bezeichnet. Dabei ist der arbeitslose, hoch verschuldete Familienvater selbst im sozialen Abseits gelandet. Eine filmgeschichtliche Galerie von Bildern ruft dieser Vater-Sohn-Konflikt wach. Wenn sich Paul gegenüber seiner Kreditberaterin nach vielen Jahren staatsbürgerlicher Pflichterfüllung auf seine Rechte beruft, zeigt sich darin zugleich die Kehrseite des amerikanischen Traums, der das Scheitern weder vorsieht noch sozial auffängt. Die junge, tablettensüchtige Terry Storm (Julianne Michelle), die erfolglos ein Bewerbungsgespräch bei einer Versicherung absolviert, steht hierfür ebenso wie der kleine Drogendealer Phil (Robin Taylor), der einen ganz großen Coup plant und sich dabei schlimm verrennt. Der Soldat Mike Miller (Joe Petrilla) wiederum, der sich freiwillig für den Kriegseinsatz im Irak meldet, flüchtet sich vor der Perspektivlosigkeit ins vaterländische Heldentum und verkörpert dabei das globale Scheitern des freiheitlichen Traums.



„Ich weiß nicht, was ich will“, sagt mit hoffnungslosem Unterton Valerie (Nicole Vicius), die kurz zuvor mit Phil geschlafen hat und nicht nur deshalb Mike verlässt, für den sie am Abend eine große Abschiedsparty gibt. Auf dieses von exzessivem Drogenkonsum, desillusioniertem Sex und aggressiven Auseinandersetzungen durchzogene Ereignis, Schnittstelle fast aller Episoden, steuert „The house is burning“ zielsicher und spannungsgeladen zu. In der alkoholgeschwängerten Atmosphäre einer regnerischen Nacht brechen die jugendlichen Sehnsüchte mit eruptiver Wucht und wilder Leidenschaft aufeinander. Doch die negativen Lösungen, die daraus resultieren, sind nur der Eintritt in eine weitere Ungewissheit. Wäre da nicht der Augenaufschlag jenes stillen, in sich gekehrten Mädchens, das Stella (Samantha Ressler) heißt und am Ende des Films aus dem Koma erwacht.





(Heidelberg, Karlstorkino, 7.1., 17 Uhr)

 



 



 



 



 



 



 



 

Wolfgang Nierlin

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