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Filmtext

Verführt durch den Herrn
Verführt durch den Herrn

„Erst in der Stille beginnt man zu hören. Erst wenn die Sprache verstummt, beginnt man zu sehen“, heißt es im Flyer zu Philip Grönings beeindruckendem Film „Die große Stille“. Dahinter steht der Gedanke, dass nur im Schweigen eine Vertiefung der Wahrnehmung und damit auch eine intensivere Begegnung mit sich selbst und mit Gott möglich wird. Für den Schweigeorden der Kartäuser ist diese Erfahrung seit über 900 Jahren tägliche Praxis: Der gleichmäßige Rhythmus ihres Lebens, die strenge Abfolge täglicher Besorgungen, Andachten und Gebete offenbaren, vermittelt durch das Prinzip der Wiederholung, vor allem einen anderen, bewussteren Umgang mit der Zeit. In der Stille scheint die Zeit regelrecht zu wachsen, während andererseits im stetigen Zeitfluss die Stille gespeichert ist. Dabei spielt die „fröhliche Abgeschiedenheit“ des Eremiten eine wesentliche Rolle. Denn nur in der räumlichen Trennung, der Einsiedelei dehnt sich die Zeit, gewinnt der Mönch eine Ahnung von der reinen Gegenwart Gottes.



Philip Grönings Film ist insofern vor allem den Wechselwirkungen zwischen Zeit und Stille auf der Spur mit der Absicht, den Erfahrungsraum des Klosters via Leinwand auf den Kinosaal auszudehnen. Um den Kreislauf des mönchischen Lebens in der „Grande Chartreuse“, dem Mutterkloster der Kartäuser in den französischen Alpen bei Grenoble, zu dokumentieren (was hier übrigens zum ersten Mal gelang), lebte der Filmemacher selbst fünf Monate lang nach den strengen Regeln des Ordens. Nur im Verzicht auf die üblichen Produktionsstandards (wie z. B. ein Filmteam und die Verwendung künstlichen Lichts) wurde dieser Film möglich. In der Reduktion der Mittel liegt andererseits seine besondere ästhetische Qualität und kontemplative Wirkung. So dauert „Die große Stille“ im Kino 162 Minuten lang, kein Off-Kommentar stört die Welt jenseits der Sprache. Nur natürliche Geräusche, Gebete, Gesänge, einige wenige Auskünfte der Mönche und das regelmäßig wiederkehrende Glockengeläute gliedern die Zeit beziehungsweise den Raum des Schweigens.



Entsprechend sind lange, unbewegte Einstellungen, dunkle Bilder und gliedernde Zwischentitel mit religiösen Texten die wesentlichsten Merkmale von Grönings meditativem Filmstil. Daneben gibt es einen auffallenden Wechsel zwischen Nähe und Distanz, der dem klösterlichen Zusammenhang von Einsamkeit und Gemeinschaft geschuldet ist. Immer wieder blickt die Kamera durch Türspalte, hält sie respektvoll Abstand, um im ungeschnittenen Zeitfluss etwas vom sinnlichen Nachhall der Dinge zu erhaschen. Dann wiederum sucht sie das Detail als Ausgangspunkt, seine grobkörnige Verfremdung zum Stillleben, um eine Ahnung vom Ganzen zu evozieren oder um in Zeitlupe die Bilder zur Transzendenz hin zu öffnen.

 



Dabei reflektiert der Film das Verhältnis von innerem und äußerem Leben sowohl in einem räumlichen als auch in einem geistigen Sinn. Er zeigt die oftmals beschwerliche körperliche Arbeit der Mönche im Wechsel der Jahreszeiten, beobachtet die Exerzitien zweier Novizen und das streng geregelte geistliche Leben des Ordens. Verführt durch den Herrn, wie es immer wieder über die Nachfolger Christi heißt, sind die sparsamen, mit Sorgfalt und hoher Konzentration ausgeübten Tätigkeiten der Mönche vor allem auf größtmögliche Einfachheit ausgerichtet. Die Ungeteiltheit des „Einen“ ist dabei ihr Leitstern auf dem Weg zum „inneren Heiligtum der Seele“, wo sich Gott offenbart, damit das „Herz aus Stein“ zu einem „Herz aus Fleisch“ werde.





4. Januar 2006

 


Wolfgang Nierlin

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