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Filmtext

Mit den Augen des Herzens sehen
Mit den Augen des Herzens sehen

Neunzehn aktuelle Filme aus den Anrainerstaaten des Mittelmeeres stehen auf dem Programm, wenn sich heute Abend im Karlstorkino der Vorhang für die „21. Filmtage des Mittelmeeres“ öffnet. Elf Tage lang sind dann Filme zu sehen, die ihr Publikum jenseits des zeitgenössischen Mainstreamkinos suchen und die konsequent im Original mit Untertiteln gezeigt werden. Dabei haben die Veranstalter vom Medienforum und dem Montpellier-Haus erneut ein Festival organisiert, das fast ausschließlich Heidelberger Premieren präsentiert und ein vielfältiges Themenspektrum aufweist. Neben kulturellen Eigenheiten oder den von Kriegen und gesellschaftlichen Umwälzungen ausgelösten länderspezifischen Krisen findet sich auch viel Verbindendes, dessen strukturelle Ähnlichkeit vom kolonialen Erbe herrührt und im Konflikt zwischen Tradition und Moderne, Heimat und Fremde ausgeprägt ist.



Eröffnet werden die „Filmtage“ mit „Bled number one“ von Rabah Ameur-Zaïmeche. Hatte der in Algerien geborene und in Frankreich aufgewachsene Filmemacher in seinem auch in Deutschland verliehenen Debüt „Wesh Wesh, qu’est-ce qui se passe?“ mit nüchternem Blick die Rat- und Orientierungslosigkeit nordafrikanischer Einwanderer in den Pariser Vorstädten beobachtet, so nimmt das Gefühl der Fremde in seiner aktuellen Arbeit den umgekehrten Weg: Ein straffällig gewordener Algerier, wieder mit Namen Kamel und wieder vom Regisseur selbst gespielt, wird in sein Heimatdorf abgeschoben und findet sich dort aufgrund seiner „europäischen Sozialisierung“ nicht zurecht. Gerade die spannungsreichen Beziehungen zwischen dem afrikanischen Kontinent und der „Festung Europa“, dargestellt an den vielfältigen Problemen der Immigration, liefern in vielen Festivalbeiträgen den Anlass für Entwurzelung, den Verlust des sozialen Zusammenhangs und die Suche nach der eigenen Identität.



Dabei wird ebenso oft das Reisen zum zentralen Motiv und das Unterwegssein zur filmischen Metapher. Trennendes und Verbindendes, Enttäuschung und Hoffnung sind darin aufgehoben. In Yasmine Kassaris bemerkenswertem Spielfilmdebüt „L’enfant endormi“ (Das schlafende Kind), das davon handelt, wie das Arbeitsexil der Männer das Warten der in einem kleinen marokkanischen Dorf zurückgebliebenen Frauen beeinflusst, finden sich die Widersprüche in einem Satz der blinden Großmutter ausgedrückt: „Früher verheiratete man die Kinder, damit sie weggehen – heute macht man es, damit sie zurückkommen.“ Zwischen Stillstand und Bewegung erzählt Kassari von einer Frauenfreundschaft, die sich gegen patriarchalische Strukturen und mythische Überlieferungen stemmt. Geradezu zum Trotz kontrastiert sie dabei die Armut, den Analphabetismus und die Einsamkeit der Frauen mit der Farbigkeit des Lebens. Im Vergleich dazu sind die Bilder von Pedro Costas neuem, zweieinhalbstündigem Werk „Juventude em marcha“, in dem der radikal eigensinnige portugiesische Filmemacher die Existenz von kapverdischen Gastarbeitern im Lissaboner Elendsviertel Fontainhas vergegenwärtigt, dunkel und hermetisch.



In den zahlreichen Roadmovies im diesjährigen „Filmtage“-Programm spiegelt sich neben Flucht und Vertreibung immer auch die Sehnsucht nach einem Neubeginn. Das gilt ebenso für Hiner Saleems unter abenteuerlichen Bedingungen entstandene skurrile Tragikomödie „Kilomètre Zéro“, die von der fast unwirklichen Fahnenflucht eines zwangsrekrutierten kurdischen Soldaten während des iranisch-irakischen Krieges im Jahre 1988 erzählt, wie für Amos Gitaïs mit experimentellen Mitteln realisierte Odyssee im Grenzdschungel der „Free Zone“ zwischen Jordanien und dem Irak. Dass Unterwegssein auch etwas mit der Suche nach den eigenen Wurzeln zu tun haben kann, zeigen Robert Guédiguians armenischer Reisefilm „Le voyage en arménie“ und Thomas Arslans mit kleinem Team und unverstelltem, sehr persönlichem Blick realisierte Türkeifahrt „Aus der Ferne“. Bei Nacer Khémir schließlich, dem Altmeister des arabischen Kunstfilms, der in „Bab’Aziz“ eine von Märchen und Legenden evozierte imaginäre innere Landschaft entstehen lässt, wird eine Wüstenwanderung, die der greise Titelheld mit seiner kleinen Enkelin unternimmt, zur Metapher für die Suche nach Erkenntnis und Vergeistigung. „Wer mit sich im Frieden ist, verliert den Weg nie“, sagt der blinde Alte, der mit den Augen des Herzens sieht.





5. Januar 2007

 


Wolfgang Nierlin

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