logo HOME//KARLSTORKINO//AKTIVE MEDIENARBEIT//ÜBER UNS//IMPRESSUM  
 HOME    KARLSTORKINO  AKTIVE MEDIENARBEIT  ÜBER UNS  NEWS[LETTER]  GÄSTEBUCH  BILDER [BLOG] 
 Über uns/angebote  technikverleih  seminare  kritiken & essays  dunkelkammer 




Hier finden Sie Texte, die über unser Filmprogramm hinausgehen, insbesondere Kritiken, Besprechungen, Quellen und weitere Materialien.

Filmtext

Reise durch die Türkei
Reise durch die Türkei

Zwischen April und Juni 2005 reiste der deutschtürkische Filmemacher Thomas Arslan mit Kamera und kleinem Team durch die Türkei. Von Istanbul, dem Ausgangspunkt, ging die Fahrt über Ankara, dann durch kurdisches Gebiet bis zum Berg Ararat im Westen des Landes an der Grenze zum Iran. Seit zwanzig Jahren sei er nicht in der Türkei gewesen, wo er in der Hauptstadt Ankara die Grundschule besucht und in nächster Nähe zum Atatürk-Mausoleum gewohnt habe, sagt Arslan in einem der wenigen Kommentare, die jede neue Reisestation knapp einleiten. Auch wenn er in der Stadt seiner Kindheit das ehemalige Elternhaus seines Vaters aufsucht und die Erinnerungen seiner Tante aufzeichnet, so ist sein Film „Aus der Ferne“ in erster Linie doch keine Reise in die eigene Vergangenheit auf der Suche nach biographischen Spuren. Auch die politische Geschichte, namentlich der Krieg mit den Kurden und der Völkermord an den Armeniern, wird nur am Rande thematisiert. Im Zentrum stehen vielmehr sehr persönliche Impressionen des alltäglichen Lebens und das Bild des Menschen, wie es sich im Austausch mit dem unverhüllten Kamera-Auge zeigt.



Der Titel „Aus der Ferne“ bezieht sich insofern nicht nur auf den Standpunkt des Reiseberichterstatters, sondern vor allem auf dessen Beobachterblick, eine ästhetische Haltung zum Gegenstand beziehungsweise eine Politik der Bilder. Noch bei größter Nähe wahrt Arslan den Abstand des Durchreisenden, dessen Neugier nichts forciert und gerade deshalb so viel erfährt. In langen, meist unbewegten Einstellungen fällt der Blick immer wieder durch offene Fenster, die als durchlässige Grenzen zwischen innen und außen, zwischen dem Dunklen und dem Hellen fungieren und so die ambivalente Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz in sich vereinen. Eine Fortsetzung davon findet sich in den Einstellungen, die durch Passagen und Häuserschluchten ins Freie gerichtet sind und so eine Spannung zwischen verschiedenen Orten, zwischen Vorder- und Hintergrund erzeugen. Dabei bleibt Arslans Blick meist subjektiv, wählt er Ausschnitte, die ihr Sujet nicht sofort preisgeben; etwa wenn er seinen Kollegen Nuri Bilge Ceylan bei der Arbeit am Monitor oder im Fußballstadion die ankommenden Fans beobachtet.



In den wie beiläufig eingefangenen, aber sorgfältig organisierten Alltagsbeobachtungen zeigt sich immer wieder Arslans Interesse für den Menschen, dessen Antlitz und dessen Mitteilungsformen im Spiel und bei der Arbeit, in der Selbstdarstellung und im geschäftigen Treiben des öffentlichen Lebens. Sichtbar wird das alles vornehmlich an jenen Orten, an denen die Bewegung für Augenblicke angehalten ist und sich auf diese Weise mit dem ruhenden Bildausschnitt verbindet. (Heidelberg, Karlstorkino, 25.1., 16 Uhr



20. Januar 2007

 


Wolfgang Nierlin

HOME//KARLSTORKINO//AKTIVE MEDIENARBEIT//ÜBER UNS//IMPRESSUM