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Filmtext

Unter einem gelben, schmutzigen Himmel

Szenen aus dem Leben des Dichters Rolf Dieter Brinkmann. Wie es gewesen sein könnte zwischen den Jahren 1973 und 1975, in Köln, in der Engelbertstraße 65, wo er zusammen mit seiner Frau Maleen und seinem behinderten Sohn Robert wohnte. Unterwegs in den schmutzig-grauen Straßen der Großstadt, im Trenchcoat und in der Manier eines Live-Reporters unablässig in ein Mikrofon sprechend, bewegt sich Brinkmann durch eine „grässliche, miese Realität“, durch ein „gesponnenes Dasein“, das er als einengend empfindet und in der jede spontane Lebensäußerung eingezäunt und kontrolliert wird. Er sagt: „Sie bemessen die Gegenwart immer so knapp, dass man sich dauernd verletzt.“ Seine hochsensible Wahrnehmung leidet unter der Gleichförmigkeit, der Automatik von Bewegungen, die er als gesteuert und kopiert registriert und die ihr Geheimnis verloren haben. Impulsiv und wütend steigert Brinkmann seine Zivilisationskritik zu fulminanten Hasstiraden auf alles und jeden: „Überall ein Scheißdreck!“, schreit er gleich eingangs von „Brinkmanns Zorn“ in den „gelben, schmutzigen Himmel“, bevor er in einem Hinterhof mit aggressiver Verrücktheit einen Mülleimer traktiert.



Harald Bergmanns filmisch kongeniale Annäherung an Brinkmanns Leben und Schreiben besticht von Anfang an durch seine Direktheit. Der in Dokumentarfilmen üblicherweise eher problematische Mangel an Abstand zum Gegenstand macht hier Sinn, weil Bergmann durchgehend mit Originaltönen arbeitet, die er mit inszenierten, gleichwohl dokumentarisch anmutenden Spielszenen synchronisiert. Das Material, das zusätzlich durch Fotografien, Super 8-Filme und Collagen des Schriftstellers ergänzt wird, ist sozusagen zur Hälfte authentisch, so dass man ständig glaubt, in fiktiver Form dem „wahren Leben“ Brinkmanns beizuwohnen. Harald Bergmann, der sich zuvor in mehreren Filmen mit Hölderlin beschäftigte, gelingt es mit seinem großartigen Schauspieler Eckhard Rhode, das vorhandene Material zu einer Illusion zu verdichten und diese wiederum dokumentarisch echt und genau wirken zu lassen. Dabei nähert sich der Film „Brinkmanns Zorn“ auch ästhetisch Brinkmanns aus der amerikanischen Popliteratur, vor allem aber aus dem Film entlehnten Cut up-Technik, mit der er seine fragmentarisierte Wahrnehmung einer zerstörten Wirklichkeit literarisch abzubilden versuchte.



Eng damit verbunden ist Brinkmanns Misstrauen in die Literatur, ja in Sprache überhaupt, die er nur noch als widersprüchlich und einschränkend erlebt. Vom Sprachphilosophen Fritz Mauthner beeinflusst, verneint Brinkmann die Erkenntnismöglichkeiten durch Sprache, die ihm wie die äußere Wirklichkeit zunehmend zum Gefängnis wird und ihm den Blick auf das Lebendige verstellt. Obwohl es für ihn einerseits lächerlich geworden ist, Gedanken durch Wörter auszudrücken, hält er andererseits am Akt des Schreibens als einem Widerstand gegen den herrschenden Zeitgeist fest. Dabei geht es ihm um eine unmittelbare Erkundung der Gegenwart, um „das, was da ist“ und damit letztlich um eine gesteigerte Selbst- und Fremdwahrnehmung in jedem Augenblick. Zwischen dem Tatsächlichen und seinen eigenen Vorstellungen, zwischen empfundenen Versteinerungen und der Sehnsucht nach lebendigen Situationen, zwischen Verzweiflung („Ich geb das Rennen auf!“) und Utopie („Ich erreiche noch meinen Planeten.“) träumt Brinkmann von der „schönen Einfachheit“, nach dem intensiven, unmittelbaren und deshalb körperlichen Ausdruck. Seine experimentelle, ebenso radikale wie zärtliche Erkundung der Alltagswelt sowie seiner nächsten Umgebung erzählt von einem Leben in Widersprüchen, das trotz aller Wut von Sanftheit grundiert ist: „Ich denke tatsächlich, dass Frieden der Kiff der Seele ist.“



3. Februar 2007

 


Wolfgang Nierlin

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