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Filmtext

Nach bestem Wissen und Gewissen handeln

Von Allan Dwans “Sands of Iwo Jima” (1949) mit John Wayne in der Hauptrolle bis zu Terrence Malicks filmischer Elegie “The thin red line” (1998) hat das amerikanische Kino immer wieder den Krieg im Pazifik thematisiert. Dabei verblassten allmählich die stereotypen, oftmals rassistisch gefärbten Feindbilder, wurden die Kriegs- und Heldenmythen auf ihren ideologischen Kern reduziert, um jenseits aller Kriegsrhetorik vom Individuum, von menschlichen Schicksalen, ja überhaupt vom Menschlichen im Krieg zu sprechen. Diese humanistische Perspektive, Konzentrat einer filmkünstlerischen Entmythologisierungsarbeit, eint die beiden Filme von Clint Eastwoods viereinhalbstündigem Doppelwerk „Flags of our fathers“ und „Letters from Iwo Jima“. Anhand zahlreicher Einzelschicksale, die Eastwood multiperspektivisch und auf wechselnden Zeitebenen erzählt, zeigen die Filme deshalb nicht nur das unbegreifliche Grauen des Krieges, sondern auch die komplexe „menschliche Wahrheit“ hinter den unmenschlichen Kampfhandlungen. Während „Letters from Iwo Jima“ in dieser Hinsicht das Individuum gegen einen traditionellen, selbstlosen Patriotismus setzt, arbeitet „Flags of our fathers“ an der Demontage amerikanischer Heldenmythen. Dabei nutzen beide Werke dokumentarische Zeugnisse als Ausgangspunkt.



Bezogen auf die extrem verlustreiche Schlacht von Iwo Jima, wo im Februar und März 1945 etwa 7.000 amerikanische und 20.000 japanische Soldaten getötet wurden, ist diese Legende untrennbar verknüpft mit Joe Rosenthals berühmtem „Bild der Hoffnung“. Dieses zeigt eine Gruppe von fünf Soldaten, die auf dem Vulkan Suribachi, der erbittert umkämpften höchsten Erhebung der strategisch wichtigen Pazifik-Insel, bereits am fünften Tag der Landung die US-amerikanische Flagge hissen. An der Heimatfront soll dieses Foto, das, obwohl die Gesichter der Marines nicht zu sehen sind, bei der kriegsmüden Bevölkerung paradoxerweise ein starkes Identifikationsgefühl auslöst, den Verkauf von Kriegsanleihen ankurbeln. Denn die projektive Wirkung eines Bildes kann, so sind die Strategen der Propaganda überzeugt, viele Worte aufwiegen. Also wird im „Kampf ums Geld“ kurzerhand eine Kampagne gestartet; und die drei „Helden von Iwo Jima“, die keine Helden sein wollen, werden auf eine Tournee durchs Heimatland geschickt.



Vor allem für den stark traumatisierten, von Schuldgefühlen, inneren Widersprüchen und Zweifeln geplagten Indianer Ira Hayes (Adam Beach) wird diese von viel Show und Verlogenheit begleitete Tour zur Farce, die er nur noch mit Alkohol durchsteht. Denn zusammen mit seinen Kameraden ist er Opfer einer gleich doppelten Inszenierung, weil schon Rosenthals Fotografie auf einer Nachstellung basiert und so eine wesentliche Wahrheit, vor allem aber die menschlichen Schicksale hinter dem Bild verschweigt. Eastwoods medienkritischer Diskurs stellt deshalb immer wieder Bilder dieser schizophrenen Inszenierung, die einhergeht mit einer naiven, von Unwissenheit gekennzeichneten Kriegsbegeisterung, neben Bilder vom Alptraum des Krieges und ergänzt beides durch biographische Details. Als Zeuge und Gewährsmann dient ihm dabei der „Flagraiser“ John „Doc“ Bradley, der sich in der Rolle eines alten, sterbenskranken Mannes noch einmal erinnert. Sein Sohn James hat im wirklichen Leben mit „Die Flaggen unserer Väter“ die Buchvorlage für Eastwoods gleichnamigen Film geschrieben. Als Figur und Erzähler schildert er stellvertretend die Geschichte von den „gemachten Helden“, deren Opfer weniger dem Vaterland als vielmehr dem nächsten Kameraden galten.



Auch in „Letters from Iwo Jima“, dem filmischen und perspektivischen Gegenstück zu „Flags of our fathers“, wird mit leichter Akzentverschiebung die Identifikation des Soldaten mit seinem Vaterland hinterfragt. Blinder Gehorsam gegenüber Vorgesetzten, das selbstlose Menschenopfer für das japanische Volk und den Kaiser und die Glorifizierung eines ehrenvollen Todes durch Selbstmord bröckeln unter den Gefühlen und Sehnsüchten des Einzelnen, seinem sich verändernden Blick auf den Feind und seinem Wunsch, inmitten eines sinnlosen Krieges zu überleben. Die wiederholten Worte, „nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln“, deuten diesen paradigmen- bzw. Epochenwechsel an. Vor allem der junge, gerade Vater gewordene Soldat Saigo (Kazunari Ninomiya) steht für diese selbstverantwortliche Menschlichkeit, die letztlich vom aristokratischen General Kuribayashi (Ken Watanabe) gefördert wird, auch wenn dieser auf der Schwelle einer neuen Ära mit Verstand und Herz die alten Werte vertritt. In Kanada ausgebildet und als Militärattaché in Washington bedienstet, kennt er den „Feind“ als Freund. Seine „Picture letters from Commander in Chief“ und die vielen, nicht abgeschickten Soldatenbriefe dienten Clint Eastwood als Quelle. Es sind Zeugnisse des Menschlichen, die im Off des klaustrophobischen und dunklen Films immer wieder als Ausdruck der Hoffnung zitiert werden.





4. März 2007

 




 


Wolfgang Nierlin

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