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Filmtext

In der Zeitschleife einer tödlichen Existenz

In die Leere hinein, im Leerlauf der Existenz: Ein junger, verwahrlost wirkender Mann irrt durch einen Wald, schwimmt durch einen Fluss, streift durch sumpfiges Grün, durch Schilf. Seine Bewegungen sind fahrig und unkontrolliert; sein Gang ist schleppend und wie in Zeitlupe verlangsamt. Der Mangel an körperlicher Koordination scheint mit einem Verlust äußerer Orientierung zu korrelieren. Die saftige, farbige Natur kontrastiert den müden Körper des Protagonisten. Dieser geht wie benebelt oder irgendwie zugedröhnt durch den Wind, wärmt sich nachts an einem Lagerfeuer. Dabei grummelt und nuschelt er vor sich hin und in sich hinein: Selbstgespräche eines vielleicht Verrückten, eines einsamen Menschen, der in sich selbst gefangen ist. Er sagt: „Ich habe etwas verloren auf meinem Weg.“ Und: Er fühle sich fremd im Gespräch mit anderen.

 




 



Der junge Mann heißt Blake, was Assoziationen an den „Dead man“ im gleichnamigen Film von Jim Jarmusch weckt. Seine lange Reise in die Dunkelheit ist eine Flucht vor den anderen und vor sich selbst. Ein langsames Siechtum, das sich in zunehmender Isolation und Abkapselung vollzieht. Blake (Michael Pitt) ist unerreichbar geworden. Offensichtlich gerade aus der Rehabilitationsklinik entlassen, buddelt der Rockmusiker und Junkie im Garten seines idyllisch gelegenen, schlossähnlichen Anwesens als erstes seine Fixerutensilien aus. Schwankend bewegt er sich durch die leeren Räume seines weitläufigen Hauses, das er gerade bezogen hat und dessen disparates Ambiente eine merkwürdige Mischung aus einstigem Glanz, provisorischer Gegenwart und stetigem Verfall ausstrahlt. Hier lebt er mit Freunden, die aber ebenso teilnahms- und beziehungslos wirken. Die Verbindungen sind gekappt. Und die diversen Anforderungen und Besuche von außen (durch Manager, Vertreter, Familienangehörige und Missionare) wirken wie Botschaften aus einer fernen, parallelen Welt.

 




 



Blake trägt zeitweise Frauenkleider, hantiert mit einem Gewehr, schreibt Tagebuch und macht selbstverloren Musik. Inspiriert wurde die Figur, wie Regisseur Gus van Sant im Abspann seines schwermütigen Films „Last days“ vermerkt, durch das Leben und Sterben des Rockmusikers Kurt Cobain (1967-1994), dem Sänger und Gitarristen der Grunge-Band Nirvana. „Doors of perception“, der Titel von Hildegard Westerkamps Musique concrète-Stück, das zusammen mit dem hypnotischen Sounddesign den Raum über das Bild hinaus erweitert und zur eigentümlichen Atmosphäre des Films beiträgt, weckt Erinnerungen an Cobains Schicksalsgenossen Jim Morrison. Und das einmal via Platte eingespielte „Venus in furs“ von den Velvet Underground wiederum beschwört noch einmal auf rauschhafte Weise die subkulturellen Aufbrüche einer Kunst, die von der Musikindustrie längst einkassiert ist. Die Suche nach einem freien Ausdruck scheint erledigt. Selbst der Vorwurf, ein „Rock’n’Roll-Klischee zu sein, erreicht Blake nicht mehr.

 




 



Wie van Sants „Elephant“ ist auch „Last days“ das minutiöse, in langen, Abstand wahrenden Einstellungen entwickelte Portrait einer verlorenen, glanzlosen Jugend, die sich wie abwesend durchs Leben bewegt. Zugleich zeigt der Film ebenso konzentriert wie diskret ein stilles, fast schmerzloses Sterben, das in den Zeitschleifen der Erzählstruktur nur verzögert und aufgeschoben ist. In Gus van Sants „Last days“ eröffnet der Wechsel der Perspektiven keinen neuen Blick auf das Leben. Dieses ist bereits unmöglich geworden.

 




 




 



25. Februar 2007

 


Wolfgang Nierlin

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