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Filmtext

Verlierer ohne Zukunft

Mit dem brasilianischen Beitrag „O céu de Suely“ (Suelys Himmel) von Karim Aïnouz, in dessen Mittelpunkt der phantasievolle Überlebenskampf einer jungen alleinerziehenden Mutter steht, eröffnet heute Abend, am 19.4.2007, das Festival Cine Latino. Bereits zum siebten Mal gastiert die vor vierzehn Jahren in Tübingen initiierte, mittlerweile in insgesamt fünf Städten zu sehende lateinamerikanische Filmschau im Heidelberger Karlstorkino. Bis zum 29. April sind dort 35 aktuelle Spiel- und Dokumentarfilme zu sehen, die alle in der Originalfassung mit Untertiteln präsentiert und von diversen Filmschaffenden begleitet werden. Zu ihnen gehört der 1928 geborene peruanische Filmpionier Luis Figueroa, der sich in seinen beeindruckenden Filmen „Los perros hambrientos“ (Die hungrigen Hunde, 1976) und „Yawar Fiesta“ (Das Fest Yawar, 1980) mit dokumentarischen Mitteln und Laienspielern dem Leiden der indigenen Bevölkerung sowie ihrem Kampf um kulturelle Identität zuwendet. Der Länderschwerpunkt ist in diesem Jahr dem aufstrebenden, ungewöhnlich produktiven Filmland Mexiko gewidmet, das unter anderem mit einem Kurzfilmprogramm vertreten ist.



Aber auch in anderen lateinamerikanischen Ländern erlebt das Filmemachen derzeit einen Aufschwung, der vor allem produktionstechnisch begründet ist. Denn auch hier hat die relativ günstige, leicht handhabbare Videotechnik den kreativen Output verstärkt und die filmsprachlichen Möglichkeiten erweitert, auch wenn die Ergebnisse ästhetisch nicht immer überzeugen. Formal ablesbar sind diese Innovationen an einem dokumentarischen Stil, der den direkten Zugriff auf die Alltagswirklichkeit sucht, indem er konventionelle Dramaturgien durch lange Einstellungen ersetzt und gegenüber dem Plot das Schauspiel gewichtet. Mit der formalen Reduktion wiederum geht oftmals eine erzählerische einher, die sich inhaltlich auch in der Wahl der Themen widerspiegelt. So stehen eine allgemeine Perspektivlosigkeit, gestörte Beziehungen und ein Mangel an Kommunikation im Zentrum vieler Beiträge.



Das gilt ebenso für Sergio Mazzas in Lethargie schwelgenden Film „El amarillo“ (Der Gelbe) wie auch – eingeschränkt – für Matías Bizes filmischen Minimalismus in „En la cama“ (Im Bett), der die raum-zeitliche Verdichtung seines Sujets auf ein Hotelzimmer konzentriert, wo ein Mann und eine Frau eher zufällig Liebe machen und in langen Gesprächen unbeabsichtigt Gefühle füreinander entwickeln. Diese stehen jedoch ihren individuellen Lebensentwürfen entgegen, was sich in einem ständigen Changieren zwischen Nähe und Distanz ausdrückt. Bizes intime Inszenierung übersetzt das, indem er mit einer höchst dynamischen Kamera die statische äußere Situation aufbricht.



Starr und unbeweglich ist auch der Rahmen in Oscar Cárdenas’ konsequent gestaltetem, auf wenige Situationen des Wartens beschränkten Film „Rabia“ (Wut), der in quälend langen Einstellungen dem Warten neben einer sozialen eine geradezu existentielle Dimension abgewinnt. Denn die Arbeitssuche der 25-jährigen Sekretärin Camila Sepúlveda (Carola Carrasco), die seit einem Jahr arbeitslos ist, führt zu einem gefährlichen, explosiven Gefühlsstau, der die individuellen Frustrationen in den sozialen Verhältnissen einer Gesellschaft im Wandel widerspiegelt. Dabei beobachtet Cárdenas geduldig die Anspannung und Ungewissheit der mehr oder weniger konkurrierenden Frauen im Wartestand, die sich kurz vor den jeweiligen Vorstellungsgesprächen nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich in einem fast schon surrealen Zwischenreich aufhalten.



Allgemeine Perspektivlosigkeit und Stagnation sind auch die Themen von Manuel Nieto Zas’ negativer Entwicklungsgeschichte „La perrera“ (Die Hundehütte). Der 25-jährige, lustlos und unentschlossen wirkende Student David Olivera (Pablo Riera) soll nach dem Willen seines Vaters durch den eigenhändigen Bau eines Hauses zur Lebenstüchtigkeit erzogen werden. Zwar wird in dem relativ verhalten und völlig undramatisch inszenierten Film die symbolträchtige Arbeit von Kiffern und Pilzessern Schritt für Schritt erledigt, aber die erfüllte Aufgabe, die sich auch als pflichtgemäße Abtragung einer Schuld verstehen lässt, eröffnet keine neue, reifere Sicht, sondern führt nur in die Leere eines fortgesetzten Scheiterns.



26. März 2007

 



 

Wolfgang Nierlin

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