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Filmtext

Gefangen im Plural der Erzählungen

Die bedeutungsvolle Frage nach dem „Schlüssel“, dem „Geheimnis“, von unidentifizierbar gemachten Figuren in einem düsteren Kellerraum formuliert, steht am Anfang von David Lynchs neuem, großartigem Rätselfilm „Inland Empire“. Sexuelle Gewalt und die Angst vor der Entdeckung des eigenen dunklen Ichs sind in der Atmosphäre dieser ersten, mystischen Szene, die sich zwischen einem Paar zuträgt, gespeichert. Sie findet ihr Fortsetzung auf einer heiteren Theaterbühne, wo vor starrer Kamera Figuren agieren, die mit Hasenkostümen maskiert sind und deren merkwürdig abstrakten Dialoge von Zuschauergelächter aus dem Off begleitet werden: „Eines Tages werde ich es herausfinden. Ich habe ein Geheimnis.“ „Wer hätte das ahnen können? Wann wirst du es erzählen?“, heißt es da. So wird das Verborgene wörtlich und bildlich behauptet und zum Thema gemacht. Sowohl für die Figuren als auch für den Zuschauer geht es deshalb zunächst darum, einen „Durchgang“ zu suchen, um in die (eigene) Geschichte „reinzukommen“. Doch Lynchs Erzählstrategien zielen nicht in erster Linie und in klassischer Manier auf Enthüllung oder Aufdeckung, sondern jedem Schritt in die eine Richtung folgt ein Schritt in die andere; und alles, was ins Licht tritt, wird zugleich in eine neue, noch undurchdringlichere Dunkelheit gehüllt.


Man könnte die Relativierungen dieses Erzählens, das ein Sujet zeigt, nur um es sofort wieder zu verbergen, in seinen konzentrischen, kreisförmigen Bewegungen auch als labyrinthisch bezeichnen. Kontinuität und Linearität sind in ihm aufgelöst. Mühelos und ganz selbstverständlich springt die Narration von der Gegenwart in die Vergangenheit und von dort wiederum in den Traum von der Zukunft. Weil das in mehreren, übereinander gelegten Schichten zugleich als Film-im-Film inszeniert ist, sind der Auflösung der raum-zeitlichen Grenzen zugleich verschiedene Grade der Fiktionalisierung implantiert. Zudem dekonstruiert Lynch mögliche Bedeutungshierarchien, indem er sich Abschweifungen erlaubt, seltsame Randgeschichten einfügt und immer wieder bei verrückten, subversiven Einfällen verweilt. So wir im unentwirrbaren Plural verpuppter Erzählungen, auf dem ungeschützten, gleichsam unidentifizierbaren Terrain der Differenz, das Erzählen selbst zum Thema.


Im dergestalt unterminierten „Zentrum“ von „Inland Empire“ steht eine Prophezeiung, die von einer alten polnischen Seherin als doppeltes Gleichnis erzählt wird. Dieses handelt von einem kleinen Jungen, der im Blick auf die Welt das Böse als Spiegelbild entdeckt; und von einem kleinen Mädchen, das sich draußen auf dem Marktplatz verirrt und den Weg zurück zum Palast nicht mehr findet. Die vornehme Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern), die in ihrem Metier lange nicht gearbeitet hat und von einem eifersüchtigen Ehemann bewacht wird, könnte diese Mädchen sein. Als sie das Angebot annimmt, in dem Film „Im Licht einer finsteren Zukunft“ (On high in blue tomorrows) die weibliche Hauptrolle zu spielen, erfüllt sich nicht nur die Weissagung, sondern auch ein Fluch. Denn es handelt sich dabei um ein Remake, das unvollendet geblieben ist, weil die beiden Hauptdarsteller ermordet wurden. Bald spukt es auch auf dem Set der aktuellen Dreharbeiten; und Nikkis Comeback in einer vermeintlich „neuen Rolle“, in der sie die Befreiung von einem „verfluchten Traum“ ersehnt, führt zurück in die Abgründe versteckter, nach und nach aufbrechender Traumata, die von Liebe und Eifersucht, Untreue und Rache besetzt sind.


Während die Geister zurückkehren und die Rolle der Heldin von ihrem Leben Besitz ergreift, spiegeln sich die unterschiedlichen Grade filmischer Fiktionalisierung unablässig und unentwirrbar ineinander und projizieren dadurch das andere, verborgene Ich. In Lynchs ausschweifenden Rekonstruktions- und Dekonstruktionsphantasien, die in subjektiven, labyrinthischen Schleifen mäandern und dabei überall abstrakte, „bedeutungsvolle“ Zeichen aufstellen, wird der Film allerdings nicht einfach zum Wahrheitsmedium, sondern vielmehr zum dunklen Spiegel, der die Blicke verschluckt, auf mysteriöse Weise verwandelt und als rätselvolle (Selbst)Bilder zurückwirft. In ihnen wird die (fiktionale) Wirklichkeit zum endlosen Film, aus dem es keinen „Ausgang“ mehr gibt. (28. April 2007)

Wolfgang Nierlin

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