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Filmtext

Die Farbe der Illusionen

Jorge (Quim Gutiérrez) will weg. Er will seiner Herkunft, seinem Milieu und seiner Zukunft als Hauswart eines tristen Wohnblocks entfliehen. Der sensible junge Mann, mal als „Engel“, mal als „große Hoffnung der Familie“ apostrophiert, weil er ebenso intelligent und gutaussehend wie aufrichtig und fürsorglich ist, spürt sehr genau die Differenz zwischen sozialem Sein und sozialem Bewusstsein. Schmerzlich empfindet er die Distanz zwischen sich und seinen Wünschen, deren Verkörperung ein Anzug in der Farbe „Dunkelblaufastschwarz“ ist. In Daniel Sánchez Arévalos gleichnamigem Spielfilmdebüt „Azuloscurocasinegro“, das in feinen Verästelungen an poetischer Dichte gewinnt, symbolisiert sie eine Illusion, nach der sein Held Ausschau hält. Der spanische Filmemacher inszeniert deshalb bevorzugt die Trennlinien zwischen gesellschaftlichen Schichten sowie die Grenzen zwischen Freiheit und Gefangenschaft, zu der letztlich auch die sexuelle Determination gehört.



Sieben Jahre später ist Jorge also noch immer zu Hause und arbeitet als Hausmeister. Weil er seinen Vater pflegt, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und an vaskulärer Demenz leidet, hat er sein Diplom in Betriebswirtschaft durch ein Fernstudium absolviert. Doch mit den Bewerbungen klappt es nicht. Und so bleibt auch das Verhältnis zu seiner Freundin Natalia (Eva Pallarés), die privilegiert aufgewachsen ist, trotz aller Freundschaft gespannt und labil. In dieser Situation erreicht ihn die ungewöhnliche Bitte seines inhaftierten Bruders Antonio (Antonio de la Torre): Weil er selbst unfruchtbar ist, soll Jorge versuchen, mit Antonios ebenfalls einsitzender Freundin Paula (Marta Etura) ein Kind zu zeugen. Zögerlich lässt sich Jorge darauf ein und verliebt sich dabei in Paula. Hin- und hergerissen zwischen zwei Frauen, lernt Jorge auf schmerzliche Weise die Grenze, die durch ihn selbst hindurch geht, zu akzeptieren.



Ein tragikomischer Grundton durchzieht dabei Arévalos Film, der in seinen atmosphärisch dunkleren Anteilen und seiner nach Entsprechungen und Austausch suchenden verschachtelten Erzählweise an die Filme seines baskischen Kollegen Julio Medem erinnert. Wie bei diesem schälen sich auch in „Dunkelblaufastschwarz“ die lauernden Konflikte erst nach und nach heraus und gewinnen mit zunehmender Resonanz eine fast tragische Dimension, die bei Arévalo aber mehr innerweltlich bleibt. Vielleicht passt hierzu das diesbezüglich ambivalente Bild vom Fisch im Aquarium, das Jorges Freund Israel (Raúl Arévalo) als Voyeur im Regiestuhl entwickelt, bevor er unter schwierigen „Geburtswehen“ tatsächlich sein schwules Coming-out erlebt. (Heidelberg, Karlstorkino, 31.7. und 1.8.)



Wolfgang Nierlin

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